Werkschließung der Continental Automotive GmbH in Karben

erstellt von BR Continental Karben — zuletzt geändert: 2020-09-10T12:43:23+02:00
Stellungnahme des Betriebsrates zur beabsichtigten Werkschließung in Karben

Mit Entsetzen und absolutem Unverständnis haben wir am 1. September die Nachricht von der geplanten Schließung unseres Werkes in der Dieselstraße 6-20 in Karben vernommen.

Die großen Strategen in der Conti-Führungsriege scheinen ihrem Kurs treu zu bleiben, sich binnen kürzester Zeit möglichst vieler Mitarbeiter oder gleich ganzer Standorte in Deutschland zu entledigen.

Die Begründungen für den massiven Stellenabbau in Deutschland und die Werkschließungen in Babenhausen, Nürnberg und Karben sind wenig schlüssig und werden uns als „alternativlos“ verkauft.

Entgegen anderer Unternehmen aus der Branche, wie ZF, Bosch oder Mercedes, wurde bei Continental nicht einmal der Versuch unternommen, im Dialog mit den Arbeitnehmervertretern eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten.

Von anderen Nationen werden wir in Deutschland um Steuerungsinstrumente, wie zum Beispiel das der Kurzarbeit, beneidet. Nach der Wirtschaftskrise 2008/09 standen den deutschen Unternehmen, in der Phase des Hochlaufens, sofort die Stammbelegschaften wieder zur Verfügung. Anderswo mussten sich Firmen mühevoll das verlorengegangene Fachpersonal über lange Zeit wieder aufbauen.

Nicht anders verhält es sich heute. Wer an einer Fortsetzung der Entwicklung und Produktion in Deutschland interessiert ist, sucht nach einer Lösung zur Überbrückung der aktuellen Situation, ohne Standorte und Fachpersonal für alle Zeit fallenzulassen.

Unter der Überschrift „Standortsicherung“ haben auch die Kolleginnen und Kollegen in Karben, in den letzten elf Jahren, 52 Mio. Euro von ihren Löhnen und Gehältern geopfert. Entgeltreduzierung, Arbeiten ohne Bezahlung und letztendlich eine Delle in der Rentenbiographie wurden in Kauf genommen, um den Standort zu erhalten.

Auch in den Continental-Werken im hessischen Babenhausen und in Villingen, im Schwarzwald, liefen diese „Standortsicherungen“, die sogenannten „Ergänzungstarifverträge“, bei denen vom Tarif abgewichen werden darf.

Für einen wertgleichen Betrag der eingesparten Löhne und Gehälter an den Standorten Babenhausen, Villingen und Karben wurden zeitgleich zwei neue Werke in Osteuropa aus dem Boden gestampft. Das Kapital der scheinbar erkauften Standortsicherung wurde somit einem gegenläufigen Verwendungszweck zugeführt.

Natürlich können an dieser Stelle grundlegende Fehler und Versäumnisse des Managements nicht unerwähnt bleiben. Der naive Glaube an ein unendliches Wachstum im Allgemeinen und in der Automobilindustrie im Besonderen hatte schon religiöse Züge angenommen. Bei allem, was nicht 10 % Rendite versprach, wurde die Nase gerümpft. Mit permanenten Großinvestitionen und zahlreichen Übernahmen in den letzten Jahren haben selbst Fachleute keine klare Richtung mehr erkennen können.

Dem von Arbeitnehmerseite immer wieder vorgetragenem Wunsch, die Abhängigkeit von der Automobilindustrie zu minimieren, wurde nicht ernsthaft nachgegangen. Der Aufbau eines zweiten Standbeines im Non-Automotive Bereich blieb aus.

Unser Werk in Karben verfügt über eine hochmoderne Elektronikfertigung unter Reinraumbedingungen. In den vergangenen Jahren haben wir erfolgreich komplexe Produkte übernommen, an denen andere verzweifelt gescheitert sind. Continental Karben steht für hohe Automatisierung und hat einen exzellenten Ruf im Punkte Qualität und Liefertreue. Erst vor wenigen Monaten wurden wir Gesamtsieger des Manufacturing Excellence Award 2019. Unter wissenschaftlicher Leitung der Technischen Universität Berlin, wird seit 2005 der MX Award in Deutschland jährlich vergeben. Der Leitgedanke des Manufacturing Excellence Award lautet: „Stärken erkennen – Maßstäbe setzen“ und „Wertschöpfung in Deutschland erhalten und absichern“.

Unserer Meinung nach ist Continental gerade dabei einen gewaltigen Imageverlust zu verursachen. Man hat in den letzten Jahren keine Möglichkeit ausgelassen, Geld mitzunehmen, sei es vom Steuerzahler (Kurzarbeit) oder von den Mitarbeitern (Ergänzungstarifverträge). Jetzt ist man dabei, vermeintlich lästigen Ballast abzuwerfen. Eigentum verpflichtet! Gemeinwohlorientierung und soziale Verantwortung? Fehlanzeige!

Der Betriebsrat in Karben wird gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen für den Fortbestand des Standortes Karben und den Erhalt der Arbeitsplätze kämpfen.

Solidarisch mit den anderen Continental-Werken und allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland fordern wir zusammen mit Gewerkschaften, politischen Parteien und anderen Organisationen endlich mehr Verantwortung und Demokratie in der Wirtschaft!

Frank Grommeck 07.09.2020

Betriebsratsvorsitzender