Warum vergaß Jan Schneider bekannte Frankfurter Frauen des Widerstands gegen das Naziregime?

erstellt von VVN-BdA Frankfurt — zuletzt geändert: 2020-07-27T13:49:13+02:00
Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Frauen und Männer des deutschen Widerstands am 20. Juli in der Paulskirche

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes kommentiert die diesjährige Ansprache anlässlich des Gedenkens an die Frauen und Männer des Widerstands am 20. Juli in der Paulskirche. Stadtrat Schneider (CDU) hatte die Aufgabe übernommen, dieses Jahr die Ansprache zu halten. Die VVN-Bund der Antifaschisten betont in einem Brief, den sie am 27. Juli an Schneider gerichtet hat, es hätte eine gute Rede werden können, hätte er sich kürzer gefasst: Norbert Birkwald, Sprecher der Frankfurter Vereinigung der Antifaschisten meint: Es „wäre eine knappe, aber gute Ansprache gewesen“, hätte sich Jan Schneider auf den Beginn seiner Rede „…Verantwortung zu übernehmen und Widerstand zu leisten; kurz: das Richtige zu tun.“ und den Schluss beschränkt: „Nur wenn jeder Einzelne sich dieser Verantwortung bewusst wird und danach handelt, können wir guten Gewissens sagen, dass wir die richtigen Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Widerstand gegen eben diesen gezogen haben.“

Die VVN-BdA bedankt sich bei Stadtrat Schneider, dass er Frankfurter Widerstandskämpferinnen genannt hat: er nannte Katharina Staritz, Johanna Kirchner, Rose Schlösinger und Johanna Tesch. Der Bund der Antifaschisten merkt kritisch an: „War Ihre Redezeit zu kurz, um Lore Wolf zu nennen? Um Alice Sterzenbach zu nennen, die in Frankfurt dafür bekannt war, „Wiedergutmachungs“-Prozesse erfolgreich zu führen? Um Lotte Schmidt zu erwähnen? Um Ettie Gingold zu erwähnen? Nein, Ihre Auswahl war nicht der Zeit geschuldet.“ Birkwald vermutet, Jan Schneider habe diese widerständigen Frauen nicht erwähnt, da es sich bei diesen um Kommunistinnen gehandelt habe. Im Schreiben heißt es weiter: „Das darf aber keine Rolle spielen, wenn man eine Rede zum Gedenken an Frauen und Männer des deutschen Widerstands hält. Es hätte Ihnen gut angestanden, über Ihren (politischen) Schatten zu springen. Schade, dass Ihnen der Mut dazu fehlte!“

Stadtrat Schneider beklagte in seiner Ansprache, „leider dauerte es lange - zu lange - bis sich Teile der Eliten … entschlossen gegen Hitler wandten.“ Der Bund der Antifaschisten bemerkt dazu: „Mit Verlaub, hätten ‚die Eliten‘ die Weimarer Republik nicht derart missbilligt und bekämpft, hätten ‚die Eliten‘ nicht Hitler protegiert: Dem deutschen Volk und der Welt wäre der Terror des Naziregimes erspart geblieben. Es waren eben jene ‚Eliten‘, die einen Großteil Schuld daran hatten, dass Hitler mit seiner NSDAP an die Macht gelangen konnte.“

Er sei gespannt auf die Rede am 20. Juli 2021. Damit schließt Birkwald das Schreiben an Jan Schneider.

Pressemitteilung, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisvereinigung Frankfurt, 27. Juli 2020

Brief an Jan Schneider

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten
Kreisvereinigung Frankfurt am Main                 Frankfurt, den 27. Juli 2020

Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Frauen und Männer des deutschen Widerstands

Sehr geehrter Herr Schneider,
nach Thomas Karlaufs brillanter Rede letztes Jahr anlässlich des 75. Jahrestags des missglückten Attentats auf Hitler war es eine große Herausforderung, die diesjährige Rede am 20. Juli in der Paulskirche zu halten. Die Hürde lag hoch.

Zu Beginn Ihrer Rede hoffte ich noch, es würde Ihnen gelingen, in Karlaufs große Spuren zu treten: „… Verantwortung zu übernehmen und Widerstand zu leisten; kurz: das Richtige zu tun.“ Hätten Sie daran direkt die letzten Sätze Ihrer Ansprache angefügt, hätten Sie alles richtig gemacht: „Nur wenn jeder Einzelne sich dieser Verantwortung bewusst wird und danach handelt, können wir guten Gewissens sagen, dass wir die richtigen Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus und den Widerstand gegen eben diesen gezogen haben.“ Wer könnte dem widersprechen? Das wäre eine knappe, aber gute Ansprache gewesen.

Sie hingegen wollten den geladenen Gästen Ihre ganz eigene Deutung des 20. Juli 1944 servieren. Eingangs zitierten Sie Henning Tresckow: „Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“ Diesem Maßstab ist niemand gewachsen, auch Sie nicht. Natürlich gestehe ich Ihnen Ihre Interpretation zu, dies sei Tresckows moralische Dimension gewesen. Aber was sagt uns das heute für unsere Moral, für unsere Maßstäbe, wenn es darum geht, Frieden, Freiheit und Demokratie zu bewahren und gegebenenfalls zu verteidigen? Nichts! Jedenfalls verlange oder erwarte ich von niemandem, sein Leben hinzugeben. Wissen Sie, wie Sie handeln würden, wenn Sie unter Bedingungen wie 1933ff leben würden? Ich kann für mich sagen, ich weiß es nicht. Ich habe das Glück gehabt, noch einige Widerstandskämpfer gegen den Hitler-Faschismus persönlich kennengelernt zu haben. Josef Rossaint zum Beispiel: katholischer Priester, Widerstandskämpfer, Hauptangeklagter im „Berliner Katholikenprozess“ und Mitbegründer der VVN. Und Peter Gingold. Er kämpfte als jüdischer Kommunist (oder kommunistischer Jude) in der Résistance gegen das Naziregime. Bis zu seinem Lebensende setzte er sich für die Ziele des Widerstands ein: Frieden, Freiheit und Demokratie. Deshalb begegnete ich ihm auf Ostermärschen, im Bonner Hofgarten (dort sprach übrigens seine Frau Ettie), bei Protesten gegen die Notstandsgesetze und Berufsverbote (von denen auch ich betroffen war), vor allem jedoch bei den zahlreichen notwendigen Kundgebungen gegen NPD, Republikaner und Co. Weder Rossaint noch Gingold hätten je von einem Menschen erwartet, sein Leben hinzugeben. Sie haben lediglich appelliert, für die Werte des Widerstands oder, wie wir heute gerne sagen, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten.

Dann nennen Sie einige Frauen, die Widerstand geleistet haben und mit Frankfurt verbunden waren. Danke dafür. Danke für jeden Namen, den Sie genannt haben. War Ihre Redezeit zu kurz, um Lore Wolf zu nennen? Um Alice Sterzenbach zu nennen, die in Frankfurt dafür bekannt war, „Wiedergutmachungs“- Prozesse erfolgreich zu führen? Um Lotte Schmidt zu erwähnen? Um Ettie Gingold zu erwähnen? Nein, Ihre Auswahl war nicht der Zeit geschuldet. Die von mir beispielhaft und keineswegs abschließend genannten Frauen waren stadtbekannte Kommunistinnen. Das hinderte Sie, diese Namen zu nennen. Das darf aber keine Rolle spielen, wenn man eine Rede zum Gedenken an Frauen und Männer des deutschen Widerstands hält. Es hätte Ihnen gut angestanden, über Ihren (politischen) Schatten zu springen. Schade, dass Ihnen der Mut dazu fehlte!

Stattdessen beklagten Sie: „leider dauerte es lange – zu lange – bis sich Teile der Eliten ... entschlossen gegen Hitler wandten.“ Mit Verlaub, hätten „die Eliten“ die Weimarer Republik nicht derart missbilligt und bekämpft, hätten „die Eliten“ nicht Hitler protegiert: Dem deutschen Volk und der Welt wäre der Terror des Naziregimes erspart geblieben. Es waren eben jene „Eliten“, die einen Großteil Schuld daran hatten, dass Hitler mit seiner NSDAP an die Macht gelangen konnte. Es waren nicht die Wähler*innen von SPD und KPD, die die NSDAP stark machten, es waren die Wähler*innen aus der Mitte der Gesellschaft! Das sei nie vergessen. Ich bestreite nicht, dass die politisch und gewerkschaftlich organisierte Arbeiterbewegung Mitschuld trug an der Machtübertragung an die deutschen Faschisten. Die Schuld der Arbeiterbewegung allerdings bestand in ihrer Uneinigkeit, in ihrer Zerstrittenheit. Wäre die Einsicht da gewesen, Streit und Kontroversen hintan zu stellen, um den Hitlerfaschismus vereint zu bekämpfen, wäre es doch noch nicht ausgemacht, ob es gelungen wäre, Hitler aufzuhalten. Die „Eliten“ der Konservativen, des Adels, der Wirtschaft und vor allem des Militärs waren ja immer noch da. Es hilft also nichts: Nennen Sie die Eliten, müssen Sie auch deren Schuld benennen.

Sie behaupten, „Erst die Kenntnis über die Massentötungen von Zivilisten hinter der Ostfront, die Ermordung von dreieinhalb Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen und vor allem die Erschießung Hunderttausender Juden empörten ihn [Stauffenberg] so, dass er einen Umsturz noch während des Krieges versuchte.“ Spätestens nach Thomas Karlaufs Rede im vergangenen Jahr sollte sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass Stauffenbergs Motive weniger moralischer Natur als vielmehr politischen Kalküls waren. Was, damit ich nicht missverstanden werde, seine Tat und seine Verdienste nicht schmälert. Da halte ich es mit Karlauf: „...wie immer wir das Attentat historisch einordnen: Stauffenbergs Konsequenz, sein Mut und seine Entschlossenheit sind in höchstem Maße bewundernswert. Jeder sollte sich fragen, ob er in einer ähnlichen Situation unter ähnlichen Bedingungen – wenn er sich am Ende ganz allein auf sich selbst gestellt sieht – wirklich standhalten würde.“ Stauffenberg ging es vielmehr um Folgendes, ich darf ein weiteres Mal aus Karlaufs Referat zitieren: „Im November 1943 stellten ... Generaloberst a. D. Ludwig Beck und Botschafter a.D. Ulrich von Hassell übereinstimmend fest, dass die Opposition dem vollständigen Zusammenbruch Deutschlands mit einem Sturz des Regimes zuvorkommen müsse. Wenn es den Deutschen im letzten Moment gelingen würde, sich aus eigener Kraft von Hitler zu befreien, würden sie mit den Siegern auf Augenhöhe verhandeln können. Das war zumindest die Wunschvorstellung, die hinter den Umsturzplänen steckte, und deshalb hielt Beck den Staatsstreich ‚schon aus sittlichen Gründen für die deutsche Zukunft erforderlich‘“. Das ist keine Geringschätzung der Attentäter, keine Missachtung ihrer Widerständigkeit. Es ist lediglich der Tribut an die historische Wahrheit, von Karlauf auf den Punkt gebracht. Sie hätten durchaus zum Ausdruck bringen können, dass Ihre Sicht auf die Dinge anders ist. Das ist Ihr gutes Recht.

Ich danke Ihnen dafür, das Stichwort NSU 2.0 erwähnt zu haben. Aber: Diejenigen, die da bedroht werden, „denken nicht anders“, wie sie gesagt haben. Nein, sie sind ausgewiesene Gegner*innen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, sie sind Gegner*innen von Neonazis, von AfD und Co. Das als „anders denken“ zu umschreiben, wird weder den Morddrohungen gerecht noch der Haltung der Bedrohten. Diese Haltungen entsprechen dem Geiste unseres Grundgesetzes, dem Geiste der hessischen Landesverfassung und sollten völlige Selbstverständlichkeiten sein! Dann sagten Sie, die offenkundige Beteiligung von Polizisten an diesen infamen Drohungen verärgere Sie persönlich. Sie sagten weiter: „Das kriminelle Treiben weniger gefährdet und beschädigt das Ansehen sehr vieler Polizistinnen und Polizisten.“ Da hilft doch nur eines, werter Herr Schneider: Aufklärung. Die staunende Öffentlichkeit nimmt jedoch Anderes wahr: Vertuschen, Abstreiten, Verzögern auf allen Ebenen. Deshalb stimme ich Ihnen vollumfänglich zu: Solche Taten, solche Beamten dürfen nicht gedeckt werden.

Ich bin gespannt auf die Rede am 20. Juli 2021.

Mit freundlichen Grüßen
Norbert Birkwald
Sprecher der VVN-BdA Frankfurt

P.S. Wir geben dieses Schreiben der Öffentlichkeit zur Kenntnis.