Stolpersteine - Korrektur - Biografien

erstellt von Initiative Stolpersteine Frankfurt/M. — zuletzt geändert: 2020-10-20T12:15:18+01:00
Nachkommen haben Teilnahme an „Stolpersteine“–Verlegung abgesagt – Neuer Zeitplan.
Coronabedingt haben alle Angehörigen und Nachfahren der Opfer von außerhalb Frankfurts ihr Kommen zur Verlegung der Stolpersteine in Frankfurt abgesagt. Statt der vorgesehenen 38 neuen „Stolpersteine“ werden nun 25 Stolpersteine am 22. und 23. Oktober in Frankfurt am Main verlegt und enthüllt.  Am 22. Oktober verlegt der Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig in mehreren Stadtteilen Erinnerungssteine an Opfer des Nationalsozialismus. Am 23. Oktober werden neun Stolpersteine, die in den Tagen zuvor vom Stadtteilservice ffmtipptopp verlegt wurden, mit feierlichen Zeremonien enthüllt. Die Verlegungen und Enthüllungen werden musikalisch begleitet. Eingeladen sind alle Interessierte, dabei wird gebeten, die coronabedingten Hygieneregeln mit Maske und Abstand zu beachten.
Auftakt ist am Donnerstag (22.10.) um 10 Uhr vor dem Goethegymnasium in der Friedrich-Ebert-Anlage 22. Enthüllt werden dort Stolpersteine für den einstigen Schuldirektor Ernst Neustadt und seine Frau Gertrud, die beide 1939 nach Schottland flüchteten und sich dort im April 1942 das Leben nahmen.
In der Königswarterstraße 13 werden um 13 Uhr fünf Stolpersteine für die Familie de Jong verlegt. Initiatior dieser Verlegung ist Kurt de Jong, der viele Jahre im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt tätig war. Erinnert wird an seinen Vater Izaak de Jong, der mit seiner ersten Frau und drei Söhnen 1938 nach Holland geflohen war und 1942 nach Auschwitz deportiert wurde und als einziger der Familie überlebte.
An einen kommunistischen Widerstandskämpfer, Heinrich Schmidt, wird am Freitag in Griesheim erinnert. Vor dem Haus Zeil 29 werden zwei Stolpersteine für Paula und Fanny Bär, Großmutter und Tante der Frankfurter Zeitzeugin Edith Erbrichs enthüllt. Hier liegt bereits seit 2008 ein Stein für ihren Großvater Hugo Bär, der in Theresienstadt ermordet wurde. Edith Erbrich, die die Stolpersteine selbst initiierte, wurde 1945 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert und erlebte dort die Befreiung.
Stolpersteine sind 10 cm x 10 cm x 10 cm große Betonquader mit einer auf deren Oberseite verankerten Messingplatte, auf der die Namen und Daten von Menschen eingraviert sind, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, aus Deutschland fliehen mussten oder die Lager überlebten. Sie werden in die Bürgersteige vor den letzten freiwilligen Wohnorten der Opfer eingelassen.
Seit 2003 wurden in Frankfurt 1.520 Stolpersteine verlegt, insgesamt hat der Erfinder der Stolpersteine, Gunter Demnig, über 80.000 Stolpersteine in mehr als 1.200 Städten und Gemeinden in Deutschland und 24 europäischen Ländern verlegt. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
 
Tag Stadtteil Adresse Opfer Name 25 statt 38 Steine Beginn
22.10. Westend Friedrich-Ebert-Anlage 22 Ernst und Gertrud Neustadt   Enthüllung 2 10:00
Westend Auf der Körnerwiese 15 Jakob und Stefanie Strauß 2 12:30
Ostend Königswarterstr.13 Izaak, Meta, Walther, Hans und Kurt de Jong 5 13:00
  Mittagspause Bistro Tatkraft Allerheiligentor 2-4   13.30
Nordend Bergerstraße 72 Henriette, Ignatz und Karl Kleinberger 3 14:40
Ostend Ostendstrasse 63/65 Christine Berlinger 1 15:10
Niederrad Güntherstrasse 42 Karl Schneider 1 16:20
23.10 Innenstadt Zeil 29 Paula und Fanny Bär 2 10:25
Ostend Grüne Straße 30 Roeschen Abt 1 10:50
Westend Kronberger Straße 48 Hermine Mayer 1 11:25
Westend Wiesenau 18 Else, Jakob und Sophie Seligmann 3 11:50
Sossenheim Schaumburger Straße 19 Mathilde Roth 1 12:35
Griesheim Auf dem Schafberg 8 Heinrich Schmidt 1 13:15
 

Westend Friedrich-Ebert-Anlage 22

Ernst Neustadt

Geburtsdatum: 21.3.1883

Flucht 1939 Schottland

Todesdatum: 25.4.1942 Suizid

Gertrud Neustadt, geb. Stadthagen

Geburtsdatum: 18.11.1889

Flucht 1939 Schottland

Todesdatum: Frühjahr 1942 Suizid

Ernst Neustadt legte 1901 sein Abitur im Wilhelm-Gymnasium in Berlin ab, studierte Latein, Griechisch und Germanistik in Berlin und promovierte 1906. Nach dem Staatsexamen 1907 unterrichtete er an Berliner Gymnasien, zuerst im Askanischen Gymnasium, dann im Mommsen-Gymnasium in Berlin-Charlottenburg; 1929 wurde er unter 26 Bewerbern als Oberstudiendirektor für das Goethe-Gymnasium Frankfurt ausgewählt. Er wohnte mit seiner Frau direkt neben der Schule.

1933 wurde Ernst Neustadt verfolgungsbedingt als Direktor abgesetzt. Ab Januar 1934 war er als Vertretungslehrer am Lessing-Gymnasium, dort wurde er im Herbst 1935 entlassen. Die Studienräte Huth und Kern berichteten an das Schulamt: "Neustadt ist für einen Führungs­posten im nationalsozialistischen Staat ungeeignet. Es ist unmöglich, dass er sich bei seiner humanitären, demokratischen, weltbürgerlichen, pazifistischen Einstellung als Lehrer für die deutsch-völkische Erziehung einsetzen kann."
Ernst Neustadt flüchtete mit seiner Frau 1939 nach Schottland, wo er in Wester Elchies/ Moreyshire an einem Internat, dann an der Gordonstown School in Schottland und zuletzt an der Wakefield Grammar School unterrichtete. Unter seinen Schülern war auch der spätere Ehemann der britischen Königin Elisabeth II., Prinz Philipp. Aus einem Bericht der Wakefield Grammar School geht hervor, dass Ernst Neustadt dort als ein sehr verbitterter, unglücklicher Mann wahrgenommen wurde. An dieser letzten Station seines Berufslebens habe er seine Arbeit nicht mehr mit demselben Optimismus und dem pädagogischen Elan angehen können wie an den vorherigen. Ein früherer Schüler brachte zum Ausdruck, dass die Kinder ahnten, das müsse etwas mit der deutschen Herkunft und dem Krieg zu tun haben. Als sich im Frühling 1942 abzeichnete, dass der Vertrag nicht verlängert werden würde, könnte den beiden der letzte Funken Hoffnung verloren gegangen sein.

Die Stolpersteine wurden initiiert und finanziert vom Goethe-Gymnasium Frankfurt am Main.

Westend Auf der Körnerwiese 15

Jacob Strauß

Geburtsdatum: 8.1.1866

Todesdatum: 13.4.1939 (Suizid)


Stefanie Strauß, geb. Bachmann

Geburtsdatum: 11.7.1884

Deportation: 8.5.1942 Izbica

Todesdatum: unbekannt

Jacob Strauß wurde in Langen geboren, Stefanie, geb. Bachmann, in Offenbach. 1920 gründete Jacob Strauß zusammen mit Jakob Hirschberger die Gummiwerke Odenwald. Die Firma stellte Fahrradreifen und Schläuche, Gummisohlen und Gummiplatten her. Zunächst war die Zentrale der Gummiwerke Odenwald in der Mainzer Landstraße 120 in Frankfurt, später in der Mainzer Landstraße 181. Die Produktionsstätte war in Mümling-Grumbach, ab 1926 in Neustadt. 1937 beschäftigte das Unternehmen 435 Arbeiter und 32 Angestellte.
Nach 1936 begannen die beiden Unternehmer ernsthaft über den Verkauf der Firma nachzudenken. Sie mussten schließlich 1938 ihre Firma weit unter dem tatsächlichen Wert verkaufen.

Am 17. September 1938 wurden die Reisepässe von Jacob und Stefanie Strauß wegen „ungeregelter Steuerfragen“ eingezogen und ihr Vermögen „sichergestellt“. Vergeblich versuchte Jacob Strauß mit immer neuen Nachfragen, Bitten und Erläuterungen die noch offenen Fragen mit den Behörden zu klären. Er nahm sich schließlich das Leben. Laut Zeugenaussagen hat er sich vor einen Zug geworfen. Die Sterbeurkunde nennt als Todesursache „Schädelbruch“.

Stefanie Strauß konnte nicht mehr rechtzeitig fliehen. Sie lebte zuletzt in der Liebigstraße 27. Vermutlich wurde sie am 8. Mai 1942 in das Ghetto Izbica deportiert, einige Tage zuvor, am 3. Mai 1942, hatte sie einer Verwandten von der bevorstehenden Deportation geschrieben. Von Izbica wurde sie vermutlich in ein Vernichtungslager gebracht und ermordet.

Die Stolpersteine wurden initiiert von Angelika Rieber/Oberursel und von ihr sowie von Inge Kirst/Kronberg und Manuel Radetz/Frankfurt finanziert.

Ostend Königswarterstraße 13

Izaak de Jong

Geburtsdatum: 23.1.1893

Flucht: 8.12.1938 Holland

Deportation: 3.10.1942 Westerbork, 12.10.1942 Auschwitz, befreit

Meta de Jong

Geburtsdatum: 17.8.1896

Flucht: 8.12.1938 Holland

Deportation: 3.-16.10.1942 Westerbork, 16.10.1942 Auschwitz

Todesdatum: 19.10.1942

Walther de Jong

Geburtsdatum: 4.9.1925

Flucht: 8.12.1938 Holland

Deportation: 3.-12.10.1942 Westerbork, 12.10.1942 Auschwitz

Todesdatum: 28.2.1943

Kurt de Jong

Geburtsdatum: 8.5.1932

Flucht: 8.12.1938 Holland

Deportation: 3.-12.10.1942 Westerbork, 16.10.1942 Auschwitz

Todesdatum: 19.10.1942

Hans de Jong

Geburtsdatum: 18.2.1924

Flucht: 8.12.1938 Holland

Deportation: 3.-12.10.1942 Westerbork, 12.10.1942 Auschwitz

Todesdatum: 13.11.1942

Izaak de Jong wurde in Millingen in Holland geboren, lebte seit 1913 in Deutschland und seit etwa 1921 in Frankfurt am Main, seine Ehefrau Meta de Jong, geb. Neuhaus, wurde in Nesselröden geboren. Sie hatten drei Söhne Hans, Walter und Kurt. Die Kinder besuchten die Jüdische Volksschule im Röderbergweg. Die Familie lebte im Sandweg 30 und in der Quinckestraße 13 (heute Königswarter Straße 13).

Meta de Jong war Inhaberin eines Hutgeschäftes, das sie zunächst im Hause ihrer Eltern im Sandweg 36, später in der Quinckestraße 13, heute Königswarterstraße 13, führte. 1938 musste die Firma verfolgungsbedingt aufgegeben werden.

Die Familie flüchtete nach dem November-Pogrom am 8. Dezember 1938 nach Rotterdam und lebte dort in der Vliesridderstraat 156 oder 15 b. Walter begann dort eine Lehre in der Elektrobranche. Hans machte eine kaufmännische Lehre in der Lack- und Farben-Branche; später war er Gelegenheitsarbeiter im Rotterdamer Hafen. Die gesamte Familie wurde 1942 in Westerbork interniert und von dort nach Auschwitz verschleppt.

Hans de Jong hatte in Auschwitz die Häftlingsnummer 68030, wurde zur Zwangsarbeit ausgewählt und soll am 29. Oktober 1942 in das Lagerkrankenhaus eingewiesen worden sein, wo er zwei Wochen später starb, so der KZ-Arzt und verurteilte Kriegsverbrecher Johann Paul Kremer (1883-1965) in seinem Tagebuch.

Izaak de Jong wurde als Koch für die Wachmannschaften eingesetzt und durch das russische Militär in Peterswaldau befreit. Im dortigen Lager hatte er Eleonore Gutmann (1921-2018) kennen gelernt. Die beiden heirateten 1945 in Frankfurt. Nach seiner Rückkehr leitete Izaak de Jong eine Auffangstation für Überlebende auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße. Am 13. Juli 1946 wurde mit Hans das erste jüdische Kind nach dem Krieg in Frankfurt geboren, der zweite Sohn Kurt wurde und am 24. Juli 1947 geboren. Kurt wurde Orthopädiemechaniker, hatte einen eigenen Betrieb in Offenbach, war 14 Jahre lang im Gemeinderat, davon neun Jahre im Vorstand der jüdischen Gemeinde Frankfurt tätig.

Izaak de Jong erholte sich nie von den Leiden im KZ, war nie wieder voll arbeitsfähig, litt unter starken nervlichen Beeinträchtigungen und starb im Januar 1970. Eine „Wiedergutmachung“ (Entschädigung) für seine drei ermordeten Söhne lehnte er ab.

Die Stolpersteine wurden initiiert von Kurt de Jong, dem Sohn von Izaak de Jong, und finanziert von Tobias und Irmgard von Stosch, Hartmut Schmidt, Patrick Ulmer, Claudia Horn und Thomas Hartung/alle Frankfurt.

Bornheim Bergerstraße 72

Ignatz (Isaac) Kleinberger

Geburtsdatum: 22.1.1886

Deportation: 29.10.1938 „Polenaktion“, Getto Warschau

Todesdatum: unbekannt

Henriette Kleinberger geb. Gapp

Geburtsdatum: 29.3.1877

Ausreise: 1940 Krakau, Getto Warschau

Todesdatum: unbekannt

Karl Kleinberger

Geburtsdatum: 1.1.1925

Flucht Oktober 1940 Palästina

Ignatz (Isaac) Kleinberger wurde in Bochnia in Österreich/später Polen, Henriette Kleinberger, geb. Gapp, in Kettenschwalbach in Rheinhessen geboren. Die Ehe der beiden blieb kinderlos, doch nahmen sie den Großneffen Karl bei sich auf.

Karl und seine Zwillingsschwester Esther Edith waren zur Jahreswende 1924/25 in Frankfurt geboren. Die Mutter der Zwillinge, erholte sich nie wieder von der schweren Geburt und starb nach jahrelanger Krankheit 1931. Esther Edith wurde wegen der Erkrankung der Mutter im Israelitischen Waisenhaus im Röderbergweg untergebracht, Karl kam zu seinem Großonkel und erlebte eine glückliche Kindheit bei seinen Pflegeeltern in der Bergerstraße 72.

Ignatz (Isaac) Kleinberger gehörte im Gegensatz zum väterlichen Großvater und dem größten Teil der Verwandtschaft der eher liberalen Richtung der Jüdischen Gemeinde an und besuchte die Synagoge in der Börnestraße. Dort erhielt Karl auch seine Bar Mitzwa. Streit gab es in der Familie um die Frage, in welche weiterführende Schule der Junge gehen sollte. Onkel Ignatz meldete ihn in der liberalen Schule Philanthropin an, während der Großvater die orthodoxe Hirsch-Realschule favorisierte. Schließlich gab es einen Kompromiss: Karl besuchte die liberale Schule, ging aber zusätzlich zum Religionsunterricht in einen traditionellen Cheder.

Die Familie stammte ursprünglich aus dem zu Österreich-Ungarn zugehörigen Galizien. Um die Jahrhundertwende war sie nach Frankfurt gekommen. Nach dem Versailler Vertrag wurden die Familienmitglieder polnische Staatsbürger. Bei der „Polenaktion“ wurden rund 17.000 Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft verhaftet, ausgewiesen und gewaltsam zur polnischen Grenze verbracht. Auch Ignatz und Karl Kleinberger wurden am 29. Oktober 1938 verhaftet und gewaltsam zur polnischen Grenze verbracht.

Während Ignatz Kleinberger und die meisten Verwandten bereits auf polnischer Seite waren, gehörte Karl zu denjenigen, die vom Übergang in Beuthen nach einigen Tagen wieder nach Frankfurt zurückgeschickt wurden.

Henriette Kleinberger war von der „Polenaktion“ aufgrund ihrer christlichen Herkunft nicht betroffen. Sie sah keine Möglichkeit einer Rückkehr ihres Mannes und folgte ihm nach Krakau. Karl kam in das Israelitische Waisenhaus. Mit der letzten Jugendgruppe im Oktober 1940 konnte Karl auf abenteuerlichen Wegen über den Balkan nach Palästina flüchten, wo er sich später Kalman Givon nannte. Diese illegale Rettungsaktion hatte Recha Freier, die Gründerin der Jugend-Aliyah, organisiert. Esther Edith konnte 1940 nach Palästina fliehen.

Ignatz und Henriette Kleinberger wurden nach Angaben von Yad Vashem im Warschauer Ghetto ermordet, der Großvater war zuletzt im Ghetto in Bochnia (Salzberg).

Der Stolperstein wurde initiiert von Angelika Rieber/Oberursel und finanziert von Marlis Rücker, Angelika Rieber und Bärbel Tiessen

Literatur: Angelika Rieber, „Zagreb, 11.12.40, Lieber Pappa und Bruder". Karl Kleinberger, später Kalman Givon. In: Rettet wenigstens die Kinder – Kindertransporte aus Frankfurt am Main, 2018, S. 147

Ostend Ostendstraße 63/65

Christine Berlinger

Geburtsdatum: 20.8.1938

Einweisung: 26.3.1943 Eichberg

Todesdatum: 7.4.1943

Christine Berlinger wurde in Frankfurt geboren. Die Eltern waren waren katholisch, der Vater war Kriegsteilnehmer 1914 bis 1918 und hatte nach seiner Meisterprüfung zum KfZ-Mechaniker im Fuhrpark der jüdischen Kaufmannsfamilie Fröhling (Lebensmittelfilialen) gearbeitet. Als die Familie Fröhling 1933 aus Deutschland flüchtete, bot sie der Familie Berlinger (Ehefrau geb. Werthmann) das Haus mit vier Etagen und Mansarde in der Ostendstraße zum Kauf an. Das Gründerzeithaus in der Nähe der Großmarkthalle hatte eine Seiteneinfahrt zum Hinterhaus, das nur aus einem Parterre bestand. Dort war die KfZ-Werkstatt „Berlinger & Schmidt“ untergebracht. Die Familie Berlinger wohnte im Vorderhaus.

Am 21. Dezember 1934 wurde die Tochter Helga, am 16. Dezember 1937 der Sohn Gerd, 1938 Christine (Christel) und am 7. Juli 1940 Ilse geboren. Die Mutter von Christine hatte sich wahrscheinlich 1938 während ihrer Schwangerschaft infiziert, denn sie litt während dieser Zeit ständig unter Durchfall. Christine kam kerngesund zur Welt, konnte aber später nicht sprechen und war sehr unruhig.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges bereitete der Vater die Evakuierung der Familie vor. Er mietete ein Bauernhaus im Taunus. 1943 entschieden die Eltern, die Tochter Christine in das Heim auf dem Eichberg zu geben. Der Großvater mütterlicherseits war dort bis Anfang der 1930er Jahre Oberpfleger gewesen und wohnte in der Nähe der Anstalt. Anfang April 1943 wurden die Eltern telefonisch über den Tod ihrer Tochter informiert. In der Anstalt wurde dem Mädchen die Hirnschale geöffnet und Teile des Gehirns an die Universität Heidelberg geschickt.

Am 12. April 1943 nahmen die Eltern an der Beerdigung ihrer Tochter Christine auf dem Eichberg teil. Die Gräber dort wurden in den 1970er Jahren eingeebnet.

Der Vater kam 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Das Haus in der Ostendstraße war „nur“ durch eine Brandbombe beschädigt, wurde aber von der Stadt als baufällig erklärt und musste abgerissen werden. Nur das Kellergewölbe blieb erhalten. Der Vater stockte das Hinterhaus auf, dort wohnte dann die Familie. Auf dem Kellergewölbe richtete er eine Verkaufsfläche für Framos-Lieferwagen ein.

Der Stolperstein wurde initiiert von Ilse Heene, der Schwester von Christine Berlinger, und finanziert vom FC Gudesding/Frankfurt.

Niederrad Güntherstraße 42

Karl Schneider

Geburtsdatum: 4.1.1891

Haft: 1935 Frankfurt, 1939 Flossenbürg

Deportation: 12.5.1942 Bernburg

Todesdatum: 12.5.1942

Karl Schneider wurde in Frankfurt geboren. 1935 erhielt er eine Gefängnisstrafe wegen Beleidigung und wegen des Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“. Er kam zu einem nicht bekannten Zeitpunkt als politischer „Schutzhäftling“ nach Flossenbürg und wurde dort mit Haftnummer 2231 registriert. Im Rahmen der Aktion „14 f 13“ wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Bernburg an der Saale überstellt und dort als nicht mehr arbeitsfähiger Häftling am selben Tag ermordet. Bei der „14 f 13“ Aktion („14 f“ stand für Tod im Konzentrationslager, „13“ für den Transport in eine „Euthanasie“-Anstalt) wurden kranke und entkräftete, als „arbeitsunfähig“ geltende Häftlinge in den Konzentrationslagern einer „Sonderbehandlung“ unterzogen und ermordet.

Der Stolperstein wurde von Gusti Bayer/Frankfurt, einer Nichte von Karl Schneider, initiiert und von Christoffer Bäcker und Melissa Koch/Frankfurt finanziert.

Niederrad Reichsforststraße 3

Peter Gingold

Geburtsdatum: 8.3.1916

Flucht: 1933 Paris,
1939 Resistance

Haft: Toulon/Paris

Befreiung: 25.8.1944

Ettie Gingold, geb. Stein-Haller

Geburtsdatum: 11.2.1913

Flucht: 1933 nach Paris,
1939 Resistance

Befreiung: 25.8.1944

Peter Philipp Gingold wurde in Aschaffenburg geboren. Er lebte ab 1922 mit seinen aus Polen stammenden Eltern Moritz und Ester Gingold in Frankfurt. Der Vater war Konfektions­schneider. In Frankfurt besuchte Peter Gingold die Jüdische Volksschule, begann 1930 eine kaufmännische Lehre in einer Musikgroßhandlung und trat in die Gewerkschaftsjugend des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA-Bund) ein. 1931 wurde er Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD). Im Mai 1933 flüchteten seine Eltern und vier Geschwister, darunter Dora (Jg. 1913), Leo (Jg. 1915) und Siegmund (Jg. 1922), nach Frankreich.

Peter Gingold wurde im Juni bei einer Razzia der SA verhaftet und bekam nach mehreren Monaten Gefängnis die Anordnung, Deutschland zu verlassen. Er flüchtete im Herbst 1933 nach Frankreich und arbeitete bei der deutschsprachigen antifaschistischen Tageszeitung „Pariser Tageblatt“ und war in einer kleinen Gruppe des KJVD politisch tätig.

Ettie Gingold wurde in Czernowitz geboren und stammte aus der Familie eines sehr religiösen jüdischen Gutsverwalters. Sie hatte zwei Geschwister. Nach dem Besuch der Volksschule erwarb sie auf dem Czernowitzer Gymnasium das Abitur. 1933 flüchtete sie zu Verwandten nach Paris, besuchte zunächst eine Sprachschule und studierte später Romanistik. Sie hatte Kontakt zu anderen deutschen Emigranten. 1936 gründete sie mit weiteren jungen Emigranten die Gruppe Jeunesse Libre Allemande („Freie Deutsche Jugend“), die sich aus rassistisch, religiös oder politisch verfolgten Jugendlichen unterschiedlicher politischer Prägung zusammensetzte. Ettie arbeitete in der kommunistischen Gruppe mit und beteiligte sich an den Aktionen der Französischen Kommunistischen Partei.

Peter Gingold und Ettie Stein-Haller lernten sich 1936 bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) kennen, hatten am Boulevard St. Martin Nr. 11 eine gemeinsame Wohnung und heirateten im Mai 1940. Am 5. Juni 1940 wurde ihre Tochter Alice geboren.

1937 trat Peter Gingold in die Kommunistische Partei Deutschlands ein. Im Mai 1940 wurde er als „deutschstämmiger Staatenloser“ interniert. Er kehrte im Oktober 1940 nach Paris zurück. Im Frühjahr 1941 fahndete die Gestapo nach ihm, er ging im April nach Dijon und wurde in der Travail Allemand (TA), einer Gruppe in der Résistance, tätig, die antifaschistische Flugblätter unter den deutschen Soldaten verbreitete. Seine Aufgabe war unter anderem, den Kontakt zu den Soldaten der Wehrmacht herzustellen, um Hitler-Gegner herauszufinden und für die Zusammenarbeit in der Résistance zu gewinnen.

Im Juli 1942 wurden seine Geschwister Dora Buchband und Leo Gingold in Paris verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. An sie erinnern seit 2007 zwei Stolpersteine in der Breite Gasse 23. Im Februar 1943 wurde Peter Gingold in Dijon von der Gestapo verhaftet und mehrere Wochen lang verhört und gefoltert. Er wurde nach Paris überführt, dort gelang ihm im April die Flucht, und nach ein paar Wochen war er wieder in der Résistance tätig. Im August 1944 beteiligte er sich am Aufstand zur Befreiung von Paris und ging als Frontbeauftragter der Bewegung Freies Deutschland für den Westen (CALPO) mit dem 1. Pariser Regiment nach Lothringen. Die Befreiung von Paris am 25. August 1944 haben beide aktiv miterlebt. 1945 wurde er von der US-Armee inhaftiert und kam wegen falschen Verdachts für kurze Zeit in ein französisches Kriegsgefangenenlager. Ende April war er als Frontbeauftragter bei den Partisanen in Norditalien und erlebte in Turin das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Ettie Gingold lebte illegal unter einem anderen Namen mit ihrer Tochter und zwei Kindern der deportierten Schwester ihres Mannes. Sie unterstützte die Résistance und war als Kurierin für die Main d‘Oeuvre Immigrée (M.O.I.), einer kommunistischen Gewerkschaftsorganisation für Arbeitsimmigranten, tätig. In ihrer Wohnung wurden Flugblätter und Schriften der Résistance gedruckt, die sie auch verteilte. Sie beteiligte sich auch an der Herausgabe einer Zeitung „Volk und Vaterland“. Als die Situation immer schwieriger wurde, brachte sie die Kinder bei einer Bauernfamilie in der Champagne unter. Erst nach Kriegsende konnte sie sie wieder abholen.

Peter und Ettie Gingold kehrten im August 1945 nach Frankfurt am Main zurück und wurden in der KPD aktiv. 1948 wurde die Tochter Silvia geboren. Peter Gingold wurde Mitglied des Sekretariats der hessischen KPD und Schulungsleiter und arbeitete als Kurier für den Grenzapparat von Richard Stahlmann bei der SED-Führung in Berlin. Im Herbst 1956 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Gingold war somit nominell noch „polnischer Herkunft“. Die Familie bekam damit einen Fremdenpass. Es bedurfte langjähriger politischer Auseinandersetzungen, bis eine Einbürgerung erreicht werden konnte.

Peter Gingold war seit der Gründung der DKP 1968 dort Mitglied. Er war in den 1970er Jahren Vorsitzender der Bezirksschiedskommission der Partei, die satzungsgemäß die Ideologietreue der Mitglieder zu prüfen und zu gewährleisten hatte. Er lebte bis zu seinem Tod am 29. Oktober 2006 in Frankfurt am Main und war unter anderem politisch aktiv in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), im Verband Deutscher in der Résistance, der Bewegung „Freies Deutschland“ e.V. (DRAFD) sowie im Auschwitzkomitee. 1990 kandidierte er auf der offenen PDS-Liste für den Deutschen Bundestag.

Die Stadt Frankfurt am Main zeichnete Peter und Ettie Gingold 1991 mit der Johanna-Kirchner-Medaille aus. 2004 wurde Peter Gingold von der Internationalen Liga für Menschenrechte die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen. Ettie Gingold starb am 3. Juni 2001 in Frankfurt. Tochter Silvia Gingold erhielt aufgrund des Radikalenerlasses als Mitglied der DKP keine Anstellung als Beamtin in Hessen.

Die Stolpersteine wurden initiiert von Silvia Gingold und finanziert von der Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative.

Innenstadt Zeil 29

Paula Bär, geb. Hilowitz

Geburtsdatum: 15.12.1867

Deportation: 15.9.1942 Theresienstadt

befreit

Fanny Bär

Geburtsdatum: 17.6.1900

Flucht: Juli 1939 Argentinien

Paula Bär, geborene Hilowitz, wurde in Warschau, geboren und war mit dem Kaufmann Hugo Bär verheiratet. Dieser wurde am 14. Januar 1869 in Wiesbaden geboren und war Inhaber einer Auskunftei. Das Ehepaar hatte drei Kinder, die alle in Frankfurt geboren wurden: Julius (Jg. 1895), Fanny (Jg. 1900) und Norbert (Jg. 1909). Hugo, Paula und Fanny wohnten in der Zeil 29, die Söhne mit ihren Familien im Ostend und im Nordend.

Fanny Bär besuchte bis 1911 die Peters-Mädchenschule und anschließend das Institut Stockmann, eine höhere Mädchenschule. 1920/1922 war sie als Verkäuferin bei der Firma Th. Rosenbaum, von 1928 bis 1930 führte sie ein eigenes Kurzwarengeschäft am Alten Markt, hatte dann ein eigenes Atelier in der Zeil 39, nach 1933 in inoffizieller Form, um Kundinnen, „die ihr noch treu geblieben waren, vor Unannehmlichkeiten zu bewahren“. Sie war dennoch einigen SS-Razzien ausgesetzt.

Sie blieb ledig und konnte 1939 nach Argentinien fliehen. In Argentinien arbeitete sie als Schneiderin und heiratete Bernhard Szer, mit dem sie 1950 nach Israel zog. Sie wohnten in Holon. Fanny Szer starb dort 1977.

Hugo und Paula Bär mussten 1940 in die Seilerstraße 35 umziehen und wurden von dort nach Theresienstadt deportiert, wo er wenige Tage nach der Ankunft am 23.9.1942 starb. Seit 2008 erinnert vor der Zeil 29 ein Stolperstein an Hugo Bär.

Am 14. Februar 1945 wurde auch Norbert Bär zusammen mit seinen Töchtern Edith (Jg.1937) und Hella (Jg. 1933) sowie seinem Neffe Heinz Bär, dem Sohn von Julius Bär, nach Theresienstadt deportiert. Norbert Bär war wegen seiner „privilegierten“ Mischehe mit einer katholischen „Arierin“ bis dahin von der Deportation verschont geblieben. Nun trafen sie in Theresienstadt wieder auf die Mutter beziehungsweise die Großmutter. Gemeinsam wurden sie dort am 8. Mai von einer Einheit der Roten Armee befreit.

Paula Bär starb 1950 in Frankfurt. Edith Erbrich lebt in Langen und wirkt als Zeitzeugin.

Die Stolpersteine wurden von der Enkelin Erbrich/Langen initiiert und finanziert von Dietlinde Kosub-Jankowski und Claudia Michel/beide Frankfurt.

Literatur: Edith Erbrich, Ich hab` das Lachen nicht verlernt. Ein Leben voller Erinnerungen, Holocaustüberlebende Edith Erbrich erzählt, begleitet von Hans-Josef Rautenberg. Re Di Roma-Verlag, 2020.

Ostend Grüne Straße 30

Roeschen Abt, geb. Loewenthal

Geburtsdatum: 20.11.1874

Deportation: 15.9.1942 Theresienstadt

Todesdatum: 13.12.1942

Roeschen Abt wurde in Posen geboren: Sie war verheiratet mit Lassar Abt, der 1867 in Roehrenfurth geboren wurde und 1922 in Leer/Ostfriesland starb. Sie hatten drei Söhne, die alle fliehen konnten: Harry Abt (1900-1977) und Alfred Abt (1902–1981) flohen 1935 bzw. 1939 nach Kapstadt/Südafrika, Erich Abt (1906-1989) floh 1933 nach Ramat Gan in Palästina. Der Sohn Eli wurde 1929 geboren und konnte 1939 mit einem Kindertransport nach England fliehen. Er lebt in London.

Roeschen Abt war Lehrerin, zuletzt Hilfslehrerin und wohnte in der Grünen Straße 30, ab 1938 in der Palmstraße 21, ab 1941 im Sandweg 13 und zuletzt 1942 in der Schwanenstraße 13.

Der Stolperstein wurde vom Enkel Eli Abt/London initiiert und finanziert von Dagmar Kassube/Frankfurt.

Westend Kronberger Straße 48

Hermine Mayer, geb. Rosenfeld

Geburtsdatum: 2.10.1864

Deportation: 18.8.1942 Theresienstadt

Todesdatum: 4.12.1942

Hermine Mayer wurde in Frankfurt am Main geboren, ihre Eltern waren Goetz Rosenfeld und Fanny Rosenfeld, geb. Oppenheim. Sie hatte eine Schwester Bettina, die am 1.September 1863 geboren wurde und einen am 7. Mai 1890 in Landau geborenen Sohn Ernst. Sie hatte geheiratet, ihr Ehemann war aber bereits gestorben. Sie wohnte in der Liebigstraße 31, dann in der Kronberger Straße 48 und zuletzt in der Scheffelstraße 26/II.

Die Schwester Bettina Scharff, die in der Beethovenstraße 64 und ab Dezember 1941 zwangsweise in der „Pension Sander“ in der Myliusstraße 47 wohnte, wurde am 1. September 1942 mit ihrem kriegsblinden Sohn nach Theresienstadt verschleppt, wo sie am 13. April 1944 ums Leben kam. Der Sohn wohnte nach dem Krieg in der Fichardstraße 55.

Der Stolperstein wurde initiiert und finanziert von Jeannette Arenz/Frankfurt.

Westend Wiesenau 18

Else Seligmann, geb. Speyer

Geburtsdatum: 26.7.1886

Deportation: 19.10.1941
Lodz

Todesdatum: unbekannt


Jakob Seligmann

Geburtsdatum: 9.7.1870

Deportation: 19.10.1941
Lodz

Todesdatum: unbekannt

Sofie Seligmann

Geburtsdatum: 4.2.1915

Deportation: 19.10.1941

Lodz

Todesdatum: unbekannt

Jakob Seligmann wurde in Habitzheim (Odenwald) geboren als viertes Kind von Josuel Seligmann und Saarchen Seligmann, geb. Meyer. Else Seligmann, geb. Speyer, wurde in Stadtoldendorf geboren. Das Ehepaar hatte eine Tochter Sofie. Jakob Seligmann war Kaufmann und als Privatsekretär der wohlhabenden Familie von Dr. Julius Trier, die zuletzt in die USA flüchtete, tätig, nach anders lautenden Angaben soll er sich als Immobilienverwalter und -makler betätigt haben und war seit 1935 Rentner.

Die Familie lebte in einer Fünf-Zimmer-Wohnung im eigenen Haus Wiesenau 18/I. Die Liegenschaft musste verfolgungsbedingt am 16. November 1939 für 36.000 Reichsmark an Dr. Karl Kettenbach aus Wiesbaden verkauft werden. Das Vermögen der Eheleute belief sich laut Devisenakte am 18. November 1939 noch auf 32.504,99 Reichsmark. Die von Else Seligmann und ihrer Familie 1939/1940 beabsichtigte Flucht in die USA scheiterte, die Schiffskarten waren bereits bezahlt.

Die gesamte Familie Jakob Seligmann wurde bei der ersten großen Deportation aus Frankfurt in das Ghetto Lodz verschleppt, wo alle ermordet wurden.

Die Stolpersteine wurden initiiert und finanziert von Jeannette Arenz/Frankfurt.

Sossenheim Schaumburger Straße 19

Mathilde Roth: geb. Studzinski

Geburtsdatum: 4.2.1889

Todesdatum: 17.11.1943

Mathilde Roth, geborene Studzinski, wurde in der damals südpreußischen Stadt Witkowo1 /Kreis Gnesen in Westpreußen geboren. Die Eltern waren Henriette Lewinski und Hermann Studzinski, die zuletzt in Konitz und in Berlin lebten. Ihr Ehemann Joseph Fridolin Roth wurde am 2. Mai 1879 in Frankfurt-Höchst geboren, war katholisch und von Beruf Schlosser. Er hatte aus erster Ehe zwei Kinder: Philipp Damian (Jg. 1907) und Johanna Philippine Karola (Jg. 1909), die beide mit viereinhalb Monaten starben.

Das Ehepaar lebte in der Oberhainstraße 19 im ersten Stock, im Erdgeschoss lebten die Eltern von Josef Roth, der Fabrikarbeiter Damian Roth (1850-1935) und Johanna Karoline Roth (1849-1931). Die Oberhainstraße 19 wurde nach der Eingemeindung von Höchst nach Frankfurt 1928 in Schaumburger Straße umbenannt.

Das Ehepaar war 1913 Pächter und Gastwirte der Rödelheimer Wirtschaft „Zur Stadt Höchst“ in der Radilostraße 15. 1939 ist Mathilda Roth mit ihrer Sossenheimer Anschrift in der Schaumburger Straße 19 aufgeführt. Zuletzt wohnte sie in der Frankfurter Ostendstraße 18, ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße. In ihrer amtlichen Sterbeurkunde des Standesamts Frankfurt sind drei falsche Todesursachen aufgeführt: Herzschwäche, Bauchwassersucht und Grippe. Tatsächlich nahm sie sich das Leben.

Seit 1933 lebte Mathilde Roth mit Joseph Roth in einer „unerwünschten Rassenmischehe“. Roth wurde als „jüdisch versippter“ Ehemann diskriminiert. Seit der 1. Verordnung des Reichsbürger­gesetzes 1935 wurde er als sog. „Geltungsjude“ stigmatisiert, weil er bei Erlass des Gesetzes mit einer Jüdin verheiratet war. Der Freitod seiner Ehefrau ersparte ihm den Einsatz als kasernierter Zwangsarbeiter in Sonderkommandos.

Die Sterbeurkunde des Standesamtes Frankfurt erwähnt die Religion „israelitisch“, die Zählkarte der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland trägt die Zusatzangaben „Nichtsternträgerin“ mit Vermerk „Mischehe“ Vorderseite und Rückseite „glaubenslos“.

Joseph Roth engagierte sich wie bereits sein Vater in der SPD, war im Vorstand des 1907 gegründeten Sossenheimer Arbeiter-Sportvereins der „Freien Turnerschaft Sossenheim“ und Revisor im „Verschönerungs­verein“. Er wurde er als Kandidat bei den Ergänzungswahlen zur 2. Klasse der Gemeindeverordneten aufgestellt und erhielt zwei Stimmen bei geringer Wahlbeteiligung von 59 von 152 Wählern. Im Sossenheimer Wahlvorschlag der SPD stand er 1924 an 9. Stelle. Joseph Roth starb am 31. Juli 1954.

Die Stolpersteine wurden initiiert von dem Stadtteilhistoriker Heinz Hupfer und finanziert vom „Heimat- und Geschichtsverein Frankfurt am Main – Sossenheim e.V.“

Griesheim Auf dem Schafberg 8

Heinrich Schmidt

Geburtsdatum: 13.3.1909

Flucht: 1935 Frankreich

Haft: 11.9.1943 Frankfurt, 1.8.1941 Urteil wegen „Hochverrat“, 10.7.1943
Strafbataillon 999, 17.1.1944 Kassel-Wehlheiden

Todesdatum: 13.3.1944

Heinrich Philipp Klemens Schmidt wurde in Frankfurt-Griesheim als Sohn von Philipp Heinrich Schmidt und Karoline, geb. Michel, geboren. Die Eltern starben früh, Heinrich war mit elf Jahren Vollwaise. Er machte eine Ausbildung zum Schweißer/Former und engagierte sich in der Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), soll dort auch Funktionär gewesen sein. Er wohnte damals Am Schafberg 8 in Frankfurt-Griesheim.

Ab 1933 war er im Widerstand gegen das NS Regime, war wohl Kassierer oder Unterkassierer der illegalen KPD in Frankfurt und reiste in dieser Tätigkeit bis nach Mainz. Er organisierte Treffen des Widerstandes unter anderem in der Gerbermühle, druckte Flugblätter in der Hanauer Landstraße, wurde in Frankfurt von Freunden versteckt und flüchtete dann – ob 1933 oder 1935 ist unklar - über das Saarland nach Frankreich.

Seine Verlobte Emmy Eck folgte ihm nach Frankreich, sie wohnten in Quercy im Südwesten Frankreichs. Dort heirateten sie am 12.3.1938. Drei Tage später wurde ihre Tochter Colette Celestine Suzanne Schmidt geboren. Emmy Eck wurde am 3. Juli 1913 geboren und war die Tochter von Vincent Eck und Susanne, geborene Söhnlein, aus der Linkstraße 19 in Frankfurt-Griesheim.

Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich wurde Heinrich Schmidt interniert und kam in den französischen Arbeitsdienst. Er flüchtete nach Toulouse und machte hier einen Selbstmordversuch. Am 9. September 1940 wurde er nach Cahlons sur Saone im besetzten Frankreich gebracht und am 11. September 1940 aufgrund eines Fahndungsersuchens festgenommen. Er wurde nach Frankfurt gebracht, wo er im Oktober 1940 in U-Haft war. Am 1. August 1941 wurde er vom OLG Kassel wegen „Hochverrat“ zu acht Jahren Haft und zehn Jahre Entzug der Bürgerrechte verurteilt.

Er sei im Zuchthaus Kassel-Wehlheiden bis zu seinem Tod „ununterbrochen in Haft“ gewesen, erklärte seine Frau in einen Antrag auf Entschädigung. Später kamen andere Ereignisse zu Tage: Heinrich Schmidt, in Kassel-Wehlheiden am 23. August 1941 als gesund und „moorfähig“ bezeichnet, wurde am 10. Juli 1943 zum Truppenübungsplatz und Wehrmachtslager Heuberg auf der Schwäbischen Alb geschickt und dort in das Strafbataillon 999 eingezogen. Er sollte zur Bergung von Spätzünderbomben und Blindgängern im süddeutschen Raum eingesetzt werden. Angeblich wegen Untauglichkeit wurde er vom Militär entlassen. Am 25. Oktober kam er in das Strafgefängnis Kieslau und von dort am 17. Januar 1944 wieder nach Kassel-Wehlheiden. Nun wurde ein bedenklicher Gesundheits­zustand und Lungentuberkulose festgestellt, am 17. Januar 1944 wurde er in die Lazarettabteilung gebracht, wo er zwei Monate später starb.

Der Stolperstein wurde initiiert von Thomas Laufer aus Frankfurt, ein Enkel von Heinrich Schmidt, und finanziert von Hans Christoph Stoodt/Frankfurt.

Biographien

Die ausführliche Dokumentation der Biographien und Verfolgungsschicksale hinter den bereits verlegten Frankfurter Stolpersteinen sind nachzulesen in den Jahresdokumenta­tionen der Initiative Stolpersteine Frankfurt (als PDF auf unserer Homepage) sowie auf der Homepage der Stadt Frankfurt am Main:

https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erleben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine

Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V., Pressemitteilung, 20. Oktober 2020