Geplanter Ausbau der A49 schadet Bemühungen um Arten-, Klima- und Grundwasserschutz

erstellt von S4F Hessen — zuletzt geändert: 2020-10-16T14:21:25+02:00
Hessische Scientists for Future solidarisch mit Protesten

Die hessischen Regionalgruppen der Scientists4Future (S4F Hessen) sprechen sich gegen die Rodung von Teilen der mittelhessischen Wälder Dannenröder Forst, Herrenwald und Maulbacher Wald aus, die auf der Trasse der geplanten A49 liegen. Wissenschaftler*innen der S4F Hessen solidarisieren sich mit dem friedlichen Protest rund um den Dannenröder Forst und positionieren sich gegen jede Eskalation und jegliche Anwendung von Gewalt. S4F Hessen schlagen ein Moratorium vor, um eine Neubewertung für den Weiterbau der A49 vorzunehmen.

Als Wissenschaftler*innen sehen wir eine unserer Hauptaufgaben darin, spezifische Situationen zu analysieren und entsprechende Lösungsvorschläge zu entwickeln. Als hessische Regionalgruppen der Scientists4Future (S4F Hessen) geben wir folgende Erklärung zur A49 ab:

Die weltweiten Eingriffe in den Lebensraum Wald stehen beispielhaft dafür, wie wir Menschen auf Ökosysteme, biologische Vielfalt und Artenreichtum einwirken und so derzeit unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Dies gilt sowohl weltweit, von Brasilien über Australien nach Kalifornien, als auch lokal in Deutschland, für den Hambacher und Dannenröder Forst sowie den Herrenwald.

Der Weiterbau der A49 in der VKE 40 würde das FFH‐Schutzgebiet Herrenwald sowie den 250 Jahre alten Dannenröder Forst, einen der wenigen intakten Dauerwälder in Hessen, zerschneiden und den Biodiversitätsverlust in Deutschland weiter vorantreiben. Diese natürlichen Kohlenstoffspeicher würden dadurch in ihrer Funktion erheblich gestört. Zudem müssen die Klimabelastungen durch etwaigen zusätzlichen Autoverkehr sowie die durch den Bau verursachte Treibhausgasemissionen (v.a. beim Einsatz von Beton und Asphalt) berücksichtigt werden. Zudem würde die Autobahntrasse ein wichtiges Grundwasserschutzgebiet zwischen dem Herrenwald und dem Dannenröder Forst erheblich belasten, insbesondere durch tief reichende Brückenpfeiler und andere Tiefbaukonstruktionen. Das geplante Vorhaben gefährdet damit die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung in der Region und schadet nicht nur der Biodiversität, sondern auch dem Klima, da aktuelle Ausgleichsmaßnahmen durch Eichen-Setzlinge die Ökofunktion des gesunden Altbestands nicht ersetzen können.

Im Sinne eines nachhaltigen Verkehrssystems ist es fragwürdig, ob es einen weiteren Ausbau des Autobahnnetzes braucht. Sowohl der Personen- als auch der Schwerlastverkehr sollte langfristig zu großen Teilen auf die Schiene verlagert werden. Eine entsprechende Verschiebung der Prioritäten in der Finanzierung und eine grundlegende Reform der Bundesverkehrswegeplanung sind dabei nötig.

Auch vor dem Hintergrund des verheerenden Waldzustandsberichts Hessen für das vergangene Jahr ist es schwer zu vermitteln, warum diese Autobahn wie geplant durch intakte Waldgebiete gebaut werden soll. Ferner ist die Nützlichkeit und Rentabilität der Autobahn in den kommenden Jahrzehnten nicht gesichert, da die alten Rentabilitätsberechnungen von Verkehrsentwicklungen ausgingen, die mit den neuen EU-Klimaschutzzielen nicht vereinbar sind.

Letztlich ist die Fragestellung auch eine gesellschaftliche. Viele Menschen verlieren, auch im Zuge des A49-Konflikts, ihr Vertrauen in die Politik. Gerade gegenüber einer jungen Generation, die sich engagiert und politisch für eine bessere Welt einsetzt, gibt es eine moralische Verantwortung zum nachhaltigen Handeln. An dieser Stelle ist die Politik gefragt, unsere Gesellschaft und Demokratie gestärkt in die Zukunft zu führen. Dazu gehört auch, dass Land und Bund gemeinsam zeigen, dass das förderale System bei  Veränderungen der Randbedingungen kurzfristig handlungsfähig bleibt.

Das Problem der Verkehrsbelastung der Menschen an Bundesstraßen (hier B3, B62 und B254) muss ernst genommen und gelöst werden. Es gibt jedoch leistungsfähige Alternativen zum geplanten Vorhaben, welche diese Belange vollumfänglich berücksichtigen und darüber hinaus auch die verkehrsgünstige Anbindung der lokalen Industrie an die umliegenden Bundesfernstraßen und Bahnstrecken sicherstellen.

Daher möchten wir mit dieser Erklärung die aktuellen Planungen und die Rodung von Teilen mittelhessischer Wälder für den Bau der A49 nicht einfach kritisieren, sondern auch ein Angebot für einen konstruktiven Diskurs an alle Beteiligten richten. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von S4F Hessen stehen für die Erarbeitung eines zeitgemäßen und zukunftsträchtigen Lösungsvorschlags für die Deckung des Mobilitätsbedarfs zur Verfügung. Eine ausführliche Langversion dieser Pressemitteilung mit einem neuen Vorschlag für die Fertigstellung der A49 und mit Literatur- und Quellenangaben werden wir als S4F-Veröffentlichung in Kürze präsentieren.

Scientists for Future Hessen, Pressemitteilung, Wiesbaden, den 13. 10. 2020