Wissenschaftliche Studie zu Gentrifizierung im Frankfurter Gallus

erstellt von S. Schipper — zuletzt geändert: 2019-03-14T11:14:19+00:00
belegt die Intensivierung von Verdrängungsprozessen in der Knorrstraßensiedlung

Eine Untersuchung des Instituts für Humangeographie der Goethe-Universität unter Leitung von Dr. Sebastian Schipper belegt den Verdrängungsdruck, den die Bewohner/innen der Knorrstraße im Frankfurter Gallus gegenwärtig erfahren, mit konkreten Zahlen. Zwischen November 2018 und Januar 2019 wurden die Haushalte in der Knorrstraße zu ihren aktuellen Wohnverhältnissen, der Einkommenssituation, der Mietbelastung und der Angst vor Verdrängung befragt. Die Zahlen belegen viererlei:

Die Bewohner/innen der Knorrstraße haben erstens einen besonderen Bedarf an preisgünstigem Wohnraum. Obschon der Großteil der befragten Personen einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht, liegen die Haushaltsnettoeinkommen meist deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Über 28 % der Haushalte gelten zudem als armutsgefährdet oder arm, 70 % haben vom Einkommen her einen Anspruch auf eine klassische Sozialwohnung zu einer Miete von unter 6,50 €/m².

Zweitens machen die Ergebnisse deutlich, dass bereits jetzt viele Haushalte in der Knorrstraße an ihre finanzielle Belastungsgrenze kommen und der Verdrängungsdruck hoch ist. Die durchschnittliche Kaltmiete der zwei bis drei Zimmerwohnungen liegt derzeit bei 9,61 €/m² und damit über dem stadtweiten Mietspiegel. Durchschnittlich müssen die Bewohner/innen 30 % ihres Nettohaushaltseinkommens für die Kaltmiete aufbringen (= kalte Mietbelastungsquote). Zieht man Neben- und Heizkosten hinzu steigt die warme Mietbelastungsquote sogar auf 41 %. In der Wohnungsforschung gilt als Belastungsgrenze, wenn ein Haushalt mehr als 30 % seines Einkommens für die Wohnkosten aufwenden muss. In der Knorrstraße überschreitet die Kaltmiete bei 38 % aller befragten Haushalte diese kritische Schwelle. Somit überrascht es nicht, dass knapp 45 % der befragten Haushalte angeben, schon jetzt gelegentlich oder häufig ihren Lebensstandard einschränken zu müssen, um die Miete bezahlen zu können. Gesenkt werden etwa die Ausgaben für Lebensmittel, Kleidung sowie die Freizeit- und Urlaubsgestaltung.

Zudem macht sich drittens die Hälfte der Befragten große Sorgen, zukünftig die eigene Wohnung aufgrund von Mieterhöhungen verlassen zu müssen. Diese Sorgen gehen primär auf die Modernisierungsmaßnahmen zurück, welche die Eigentümerin Vonovia gegenwärtig durchführen lässt und deren Kosten auf die Mieter/innen umgelegt werden können. Durchschnittlich sind die Bewohner/innen mit einer angekündigten Mieterhöhung von 122 € pro Monat konfrontiert. Dadurch wird sich die Anzahl der Haushalte, die über 30 % ihres Einkommens für Mietkosten aufbringen müssen, von 38 % auf 60 % erhöhen. Folglich muss man konstatieren, dass ein hoher Anteil der Mieter/innen die steigenden Wohnkosten nicht aus ihren Haushaltseinkommen wird tragen können. Ihnen droht entweder der Verlust der Wohnung und die Verdrängung aus dem Stadtteil oder – angesichts des stadtweiten Mangels an bezahlbarem Wohnraum – die Verdrängung aus dem schon jetzt oft prekären Lebensstandard, da ein Großteil des Haushaltseinkommens für die Miete aufgewandt werden muss.

Viertens haben die Beobachtungen in der Knorrstraße gezeigt, dass neben den angekündigten Mieterhöhungen und der drohenden Verdrängung auch die mangelhafte Transparenz und Kommunikation des Unternehmens sowie die fehlende Berücksichtigung der Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner für Unmut sorgen. Mieter und Mieterinnen der Knorrstraße wurden bei der Entwicklung des Quartiers nicht in die Entscheidungsprozesse einbezogen. Auch die Stadt hat ihre rechtlichen Möglichkeiten (Stichwort Milieuschutzsatzung) nicht genutzt, um regulierend im Interesse der Mieterinnen und Mieter einzugreifen. Im Ergebnis konnte das börsennotierte Unternehmen Wohnungsbau in der Knorrstraße realisieren, der nun für bis zu 16 €/m² Kaltmiete angeboten wird.

Die ausführliche Studie „Gentrifizierung im Frankfurter Gallus. Sozialstruktur, Mietbelastung und Verdrängung in der Vonovia-Siedlung Knorrstraße“ finden Sie im Anhang dieser Nachricht.

Sie kann auch unter folgendem Link heruntergeladen werden:

http://www.uni-frankfurt.de/76771554/Studie_GallusVerdrängungKnorrstr_März2019.pdf

Pressemitteilung, 14.3.2019