Unsere Rede zum 8. Mai - Gegen alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

by Städtefreundschaft Frankfurt-Kobane e. V. veröffentlicht 13.05.2024, zuletzt geändert 20.05.2024

Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, haben wir in Frankfurt eine Rede vorgetragen (siehe unten), in der wir uns unter anderem mit der Frage nach der geringen Beteiligung befassen, die verwundern kann angesichts der Hunderttausenden, die Anfang des Jahres gegen die "Remigrationspläne" der AfD und gegen Rechts demonstriert haben. Dass es in Frankfurt auch anders geht, hat die LAGG-Aktion 1616 für die Häftlinge des KZ Katzbach im März letzten Jahres eindrucksvoll gezeigt.

Wir haben uns gefragt, was wir falsch machen, wenn die Beteiligung an traditionellen Gedenkveranstaltung wie dem 8. Mai seit Jahren kontinuierlich abnimmt und dort die junge Altersgruppe krass unterrepräsentiert ist. Mögliche Gründe sprechen wir in der Rede an, wohlwissend, das dies nicht allen gefallen wird, weil wir Antifaschismus weiter fassen und auch Akteure und Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie innermigrantischen Rassismus und Islamismus beachtet wissen möchten, die bislang von der gesellschaftlichen Linken weitgehend ausgeblendet werden.

Wir verstehen unsere Rede als Ausgangspunkt für eine lebendige Debatte über einen zeitgemäßen Antifaschismus, der die Vielfalt der Gesellschaft berücksichtigt und mehr Menschen erreicht. Auch, damit wir im Jubiläumsjahr 2025 - 80 Jahre Befreiung vom Nazifaschismus - am 8. Mai eine breite Beteiligung unterschiedlichster Gruppen erreichen, die der Bedeutung dieses wichtigen Tages einen angemessenen Ausdruck verleiht.

Wir sind alle aufgefordert, uns Gedanken zu machen und Initiativen zu entwickeln, wir freuen uns über eure Rückmeldungen!

Rede zum 8. Mai 2024
Gegen alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit

Unser Verein Städtefreundschaft Frankfurt-Kobanê möchte heute etwas zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sagen. Zur Bedeutung des 8. Mai wird noch viel gesagt werden, daher nutzen wir die Gelegenheit zu einer selbstkritischen Betrachtung unserer Arbeit. Wenn ihr euch auf dem Platz umschaut, stellt ihr euch vielleicht auch diese Fragen:
- Warum sind wir hier an diesem bedeutsamen Tag so wenige, vor allem so wenige junge Menschen?
- Warum fühlen sich die vielen jungen Antifaschistinnen und Antifaschisten, die heute vielfach eine Einwanderungsgeschichte haben, von dieser Veranstaltung offenbar nicht angesprochen?
- Kann es sein, dass der Antifaschismus der älteren Generation mit ihrer Lebensrealität, ihren Alltagsnöten und ihrem politischen Bewusstsein nicht mehr so viel zu tun hat? Fühlen sie sich von uns nicht verstanden oder sogar im Stich gelassen?

Die letzte Frage würden wir mit einem Ja beantworten, denn wir erinnern uns daran, dass im Mai letzten Jahres in Deutschland unsere kurdischen, alevitischen und jesidischen Freundinnen in der Nacht nach den Präsidentschaftswahlen in der Türkei Angst hatten, vor die Türe zu gehen und sich dabei von Antifaschisten und Linken alleine gelassen fühlten. Wir erlebten damals die größten Aufmärsche von Rassisten und Faschisten in Deutschland seit den Coronademos 2021 und zwar bei den Feiern zum Wahlsieg Erdogans und den Autokorsos türkischer Rechtsextremer und verbündeter Islamisten. Massenhaft wurden der Wolfsgruß der Grauen Wölfe und der Rabia-Gruß der islamistischen Muslimbruderschaft gezeigt und „Takbir“ und „Allahu akbar“ gegrölt. Die sozialen Medien waren voll mit Beiträgen, in denen von großer Angst vor Angriffen der Grauen Wölfe und der Wut über die Indifferenz der deutschen Linken die Rede war.

Warum fordern Antifaschisten nicht viel vehementer ein Verbot der Grauen Wölfe? Sie sind mit über 18.000 Mitgliedern die stärkste rechtsextreme Organisation in Deutschland und zeichnen sich aus durch einen rabiaten türkischen Ultranationalismus, Rassismus, äußerst ausgeprägten Antisemitismus, Hass gegen LGBTQ und Gewalttaten gegenüber ethnischen Minderheiten in der Türkei und in Europa. Sie organisieren sich in zahlreichen Moschee- und Kulturvereinen und werden leider nicht nur von Sozialdemokraten wie Nils Schmid hofiert.

Einer der reaktionären Islamverbände, unter dessen Dach sich sowohl ATIB als eine Organisation der Grauen Wölfe als auch Muslimbrüder und iranisches Regime organisieren, ist der Zentralrat der Muslime, der sich gegen unseren ausdrücklichen Widerstand ebenfalls an der heutigen
Veranstaltung beteiligt.

Wer kann es den alevitischen, jesidischen, kurdisch-stämmigen Leuten – um nur einige zu nennen - also verdenken, dass sie mit einem in die Jahre gekommenen Antifaschismus, der ihre Lebenswirklichkeit nicht kennt oder sich nicht dafür interessiert, nicht mehr viel anfangen können
und Veranstaltungen wie dieser fernbleiben?

Aber auch in einem anderen Kontext wird Menschen mit Migrationsgeschichte die Unterstützung der gesellschaftlichen Linken größtenteils verwehrt. Wo war die Solidarität mit Musliminnen und Muslimen, als in ihrem Namen auf Islamisten-Demos im November letzten Jahres in Essen oder vorletzte Woche in Hamburg ein Kalifat gefordert wurde? Wo war der Aufschrei und der Protest von Antifaschisten und Demokraten angesichts dieser reaktionären, antidemokratischen Kundgebungen, die uns alle angreifen, weil sie unsere humanistischen, aufklärerischen Werte angreifen?

Freundinnen und Freunde aus unserer nordsyrischen Partnerstadt Kobanê sind schockiert, wenn sie die Bilder dieser Demonstrationen sehen. Zu den Hamas-Bodycam-Aufnahmen vom 7. Oktober haben sie übrigens nur gesagt: „Das ist nichts anderes als IS!“ Sie haben das Kalifat kennengelernt, in dem Frauen gesteinigt und ein Völkermord an den Jesiden verübt wurde. Sie haben einen siegreichen, wenn auch mit über 13.000 Toten sehr verlustreichen Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat geführt. Viele Menschen aus dem Irak und Syrien sind vor seinem genozidalen Terror nach Europa geflohen und sind doch auch hier nicht sicher vor dieser Hass-Ideologie. Sind Zehntausende unserer kurdischen FreundInnen im Kampf gegen den IS gefallen, damit wir hier dem Treiben von Kalifatsanhängern untätig zusehen?

Das Wegsehen, der Opportunismus, die Doppelstandards, die falsche Toleranz der gesellschaftlichen Linken gegenüber innermigrantischem Rassismus und Islamismus bedeuten Komplizenschaft, bedeuten unterlassene Hilfeleistung gegenüber den Opfern.

Um es noch einmal deutlich zu sagen:
Wer die Grauen Wölfe bekämpft, ist nicht antitürkisch oder rassistisch, sondern antifaschistisch. Wer sich gegen reaktionäre Islamverbände, den politischen Islam und islamistischen Terror stellt, ist nicht antimuslimisch, sondern tritt konsequent gegen die Instrumentalisierung der Religion, gegen religiöse Intoleranz, religiöse und patriarchale Gewalt, gegen Misogynie und Hass gegen LGBTQ+ und gegen Antisemitismus ein.

Um am 8. Mai wieder viele Menschen auf die Straße zu bringen, müssen wir einen zeitgemäßen Antifaschismus und eine emanzipatorische Politik entwickeln, bei der wir den Blick weiten und Doppelstandards ablegen. Wir müssen aufhören falsche Toleranz zu üben und anfangen, alle Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen, egal aus welcher ideologischen Ecke sie kommt!

Nur so werden wir einem universalistischen Freiheits- und Gleichheitsanspruch gerecht. Und nur so werden wir wieder glaubwürdig!

Städtefreundschaft Frankfurt-Kobanê e.V.
Frankfurt, 8. Mai 2024