Tech Conference an der Goethe Uni

erstellt von unter_bau — zuletzt geändert: 2020-11-06T20:27:33+01:00
Prof. Birgitta Wolff: „Digitalisierung kann, zumindest zwischenzeitlich, die Universität retten“ – Wirklich?

Diese Woche wurde das neue Wintersemester an der Goethe-Universität Frankfurt eingeläutet. Es ist ein weiteres digitales Semester und damit das nunmehr zweite seiner Art. Vorlesungen, Seminare, ja selbst Konferenzen finden weitestgehend online statt – so auch die ‘Tech Conference’ am heutigen Freitag, in der sich, mit besonderem Fokus auf Künstliche Intelligenz (KI), alles um die Frage “Can Tech Save The World?” dreht.

Die Bewertung des vergangenen digitalen Semesters geht in der Wahrnehmung verschiedener Beteiligter deutlich auseinander. An die basisdemokratische Hochschulgewerkschaft unter_bau wurden Berichte über vielseitige Problemlagen herangetragen. Unter anderem aus diesen Berichten entwickelte die Gewerkschaft einen umfassenden Forderungskatalog[1]. Der präsidiale UniReport berichtet hingegen von einer recht erfolgreichen Krisenbewältigung[2]. Einige Probleme seien für ein weiteres digitales Semester zwar noch zu beheben, aber es wird verkündet, dass man sich um die Studierenden kümmere. So wurden jüngst in der Aktion “Semesterlaptop” 50 Notebooks angeschafft – vorgesehen zum Verleih an bedürftige Studierende ohne eigenes technisches Gerät. Dass nun, zum Anfang des Semesters eine Konferenz zum Thema Technologie und Digitalisierung angeboten wird, erweckt zusätzlich den Anschein, man sei sich der Problemlage, in der sich viele Universitätsangehörige derzeit befinden, bewusst.

Das Programm der Konferenz, in der unter anderem Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung, und Prof. Ulrich Kelber, Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, als “Weltretter*innen” stilisiert werden[3], deutet allerdings auf das Gegenteil hin. “Diese Konferenz geht an den Bedürfnissen der an der Goethe-Universität Studierenden und Arbeitenden grundsätzlich vorbei”, sagt Vera Laub, Pressesprecher*in von unter_bau. “23 % der Lehrenden und 15 % der Studierenden sehen nicht, dass sie über eine gute Ausstattung verfügen, um an der digitalen Lehre teilzunehmen[4], insofern ist die Veranstaltung einer solchen Konferenz nur noch absurd. Um gängige machine- oder deep-learning Methoden, die Grundlage im Einsatz von Künstlicher Intelligenz sind, wirksam einsetzen zu können, bedarf es technischem Gerät, das die Rechenleistung einer Zoom-Konferenz bei weitem übersteigt. Darüber hinaus versteht man bei der Tech Conference die gesellschaftspolitischen Implikationen der Anwendung von KI so, dass nicht nur Technik-Provider, sondern auch Fluggesellschaften und Banken zu Wort kommen sollen. Vermeintliche Muster zu erkennen und tatsächliche Muster und deren Inhalte zu verstehen, sind allerdings zwei sehr verschiedene Dinge. Das vorliegende Programm der Tech Conference zeugt von einem dubiosen Wissenschaftsverständnis.”

Eine solche Veranstaltung, auf der Firmen wie Facebook, SAP, Microsoft und Lufthansa vertreten sind, legt nahe, dass es sich eher um ein weiteres Prestigeprojekt der Stiftungsuniversität handelt, denn einer Lehrveranstaltung für interessierte Universitätsangehörige, und damit als Karriereboost für die scheidende Präsidentin Prof. Birgitta Wolff dienen soll. Die Hochschulgewerkschaft unter_bau fordert eine radikale Kehrtwende in der Politik der Goethe-Universität – hin zu einer wissenschaftsgeleiteten Praxis, die die gesellschaftlichen Implikationen von Forschungsgegenständen mitreflektiert, und die tatsächlichen Bedürfnisse der an der Universität Studierenden und Arbeitenden erfüllt.


Hochschulgewerkschaft unter_bau , Pressemitteilung, 6. November 2020

Quellen:
1: https://unterbau.org/2020/04/19/semesterbeginn-aktualisierte-forderungen-zur-corona-krise-von-unter_bau/
2: https://www.unireport.info/88967034.pdf
3: https://conference.tech-academy.io/speakers/
4: https://aktuelles.uni-frankfurt.de/studium/digitale-lehre-besser-als-erwartet-aber-kein-ersatz-fuer-campusleben/