Schulen und Kitas geschlossen: Durch Corona verschlechtern sich die Bildungschancen vieler Kinder noch mehr!

erstellt von iaf e.V. — zuletzt geändert: 2020-03-25T14:01:00+02:00
Das Hilfepaket der Bundesregierung muss ausgedehnt werden.

Wenn Pisa eines gezeigt hat, dann dass nichts so sehr über den Bildungserfolg eines Kindes entscheidet wie die soziale Herkunft. Nun stehen eine Vielzahl von Familien mit dem Betreuungs- und Erziehungsauftrag alleine da. Besonders schwer trifft die mangelnde Unterstützung die Familien, die sowieso schon eine schlechtere Ausgangsposition haben.

„Wir bekommen derzeit viele Anfragen, in denen Eltern sich sorgen, wie sie für ihre Kinder die entstehenden Bildungslücken auffangen können“, sagt Hiltrud Stöcker-Zafari vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften. „Viele unserer Familien verfügen nicht über ein entsprechendes Bildungskapital oder gute Rahmenbedingungen. Das beginnt bei geeigneten Wohnverhältnissen für eine ruhige Lernumgebung oder einer passenden technischen Ausrüstung. Oft sprechen sie nicht gut genug Deutsch, um ihre Kinder unterstützen zu können. Die Lücken, die nun entstehen, benachteiligen diese Kinder in besonderem Maße. “

Hinzu kämen die psychischen Belastungen. Eltern, die sich in erster Linie um das „Überleben“ der Familie sorgten, die um den Verlust ihrer Arbeit fürchteten oder bereits ohne Aufträge, ohne Kunden ihren Laden nicht halten könnten. Eltern, die nicht einfach auf Homeoffice umstellen könnten. „Viele unserer Familien fürchten zudem um ihre Verwandten, die vielleicht als Geflüchtete in einem Lager leben, sie sorgen sich um die Großeltern, Onkel und Tanten, die in ihren Herkunftsländern keine Sicherheit für ihr Auskommen und ihre Gesundheit haben“, führt Stöcker-Zafari weiter aus.

Von einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf könne man in diesen Zeiten nicht mehr sprechen. Denn selbst Eltern, die auf Homeoffice umstellen könnten, müssten ihren Alltag komplett neu sortieren, Schule, Arbeit und Privatleben unter einen Hut bringen. Das gelingt vielen Eltern nur schwer, für Alleinerziehende ist es so gut wie nicht machbar.

„Die Politik muss nun frühzeitig Schritte einleiten für die Zeit nach Corona. Nur so können die entstandenen Lücken und Nachteile behoben werden. Das bedeutet ergänzende Förder- und begleitende Familienangebote, Beratung und eine qualitative Ganztagesbetreuung“, fordert Stöcker-Zafari. Sonst sei zu befürchten, dass der Bildungs-GAP aufgrund der familiären Herkunft sich noch mehr verbreitern würde.

Es sei auch gut und wichtig, dass die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung Zuschüsse für Kleinstunternehmen und Solo-Selbständige ermöglichten. Das beträfe viele Familien mit Migrationshintergrund, die oft in Kleinstunternehmen, Gastronomie oder Dienstleistung tätig sind. “Die vorgesehenen drei Monate reichen jedoch bei weitem nicht aus, um wieder in einen normalen Arbeitsalltag zurückzufinden. Gerade für unsere Familien ist es zudem wichtig, dass sie einen schnellen Zugang und verständliche Informationen erreichen", führt Stöcker-Zafari weiter aus.

Das gelte auch für die richtige Anpassung bei der Berechnung des Kinderzuschlags an den letzten Monat des Einkommens und die entsprechende Online-Beratung über www.notfall-kiz.de .

„Es muss dringend beachtet werden, dass viele Familien befürchten, durch den Kinderzuschlag Nachteile bei anderen Zuwendungen zu haben. Viele unserer Familien wissen zudem nicht, wie das relativ neue Förderinstrument funktioniert.  Gerade die zugewanderten Familien müssen hier gezielter informiert, beraten und motiviert werden, die Hilfen auch in Anspruch zu nehmen“, gibt Stöcker-Zafari zu bedenken.

Die Befristung der vereinfachten Beantragung lediglich bis Ende September 2020 reiche nicht aus. Auch über diese Zeit hinaus, bis ins nächste Jahr hinein, werden Familien die Ausfälle der Pandemie-Zeit spüren. Dies gelte ebenso für die neuen Richtlinien bei der Grundsicherung (ALG II). So müsse auch hier das Aufbrauchen der Rücklagen oder die Übernahme der Mietkosten ohne weitere Prüfung, über den September 2020 hinaus, zumindest bis Ende des Jahres verlängert werden. Nur so könne den Familien in Notsituationen eine gewisse Planungssicherheit gegeben werden.

Abschließend bemerkt Stöcker-Zafari: „Eltern und Kinder leisten in dieser Krisenzeit enormes. Die Familienarbeit ist systemrelevant, sie kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Das gilt für alle Familien in Deutschland, unabhängig von Aufenthaltsstatus, Pass oder Herkunft. Und diese Wertschätzung sollte sich in einem Hilfepaket wiederfinden und spürbar für die Familien sein. Das Coronavirus gefährdet alle!“

Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V., Pressemitteilung, 23. März 2020