Rassistische Stereotypen in Berichterstattung über das Frankfurter Bahnhofsviertel

erstellt von Förderverein Roma e.V. — zuletzt geändert: 2020-07-17T14:03:43+02:00
Der Förderverein Roma und das Hausprojekt Nika protestieren in einem offenen Brief gegen Beitrag in der Hessenschau vom 28.6.2020.

Offener Brief an den Hessischen Rundfunk/Hessenschau

Der Förderverein Roma und das Hausprojekt Nika protestieren entschieden gegen den hessenschau-Beitrag „Bahnhofsviertel nach Lockdown“ vom 28.06.20 der Autorinnen Ana Radic und Katharina Schol.

Hier unsere Kritik:
Die Anmoderation zum hessenschau-Beitrag anlässlich der Petition der RestaurantbesitzerInnen stimmt die Zuschauerlnnen auf „Junkies“ im „berühmt-berüchtigten“ Bahnhofsviertel ein, auf Zustände die „Angst machen“.
Doch gleich in den ersten beiden Einstellungen wird eine Gruppe unkenntlich gemachter Personen und eine Frau im langen Rock gezeigt: Damit ist die Minderheit der Roma bereits markiert. Daran geschnitten der O-Ton eines Restaurantbetreibers „Wir haben Angst ...“. Dann folgen verschiedene Kameraeinstellungen, undeutlich, abgebrochene Schwenks, immer wieder unkenntlich gemachte Leute, eine Frau, die auf Taschen am Rande des Bürgersteigs sitzt und in ihrer Kleidung nicht den deutsch-Deutschen zuzuordnen ist.
Was als Personenschutz durch Unkenntlichmachung daherkommt, dient als Kennzeichnung: Das sind die Menschen, die „Probleme“ machen. Das diffuse Szenario der Bedrohlichkeit geht mit der Diffamierung einher, dass die „Probleme“ im Viertel, „Junkies“ und „Penner“ mit der Minderheit der Roma bebildert werden. Durch die Kameraeinstellungen auf die immer selbe Personengruppe aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird das Gefühl einer bedrohlichen Anzahl suggeriert.
Und so geht es munter weiter. Nach einer Bild-Textfolge über Müll/Klagen über den Gestank/ Polizeiauto, wird auf den Text „ … andere, die sich im Viertel breit machen“ wieder die Einstellung der Frau mit Rock und Kopftuch (siehe oben), auf ihrer Tasche sitzend, gezeigt.
Die Restaurantbesitzer sind „verzweifelt"; Romafamilien die musizieren, werden in versteckter, Gefahr signalisierender Handyoptik ins Bild gesetzt.

Die Text- und Bildsprache entspricht dem rassistischen Stereotyp über Roma, das in dem Buch "Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit. Strategien und Mechanismen medialer Kommunikation" von Markus End analysiert wird. Bilderbuchmäßig.
Restaurantbesitzer und ein Ordnungspolitiker kommen zu Wort, aber kein Sozialverband im Viertel (z.B. Weser 5, Drogenhilfe oder Förderverein Roma e.V.) , der die Situation der prekär Lebenden im Bahnhofsviertel kennt, wird befragt; es fehlt an journalistisch-kritischer Einordnung.
Und so schließt der „journalistische“ Beitrag: „Immerhin ist das Problem bei der Stadt angekommen“, im Bild wird dazu das „Problem“ gezeigt: Frauen in langen Röcken gehen über die Straße. Das Lehrstück in Anmaßung und Diffamie endet: „Das Frankfurter Bahnhofsviertel: Vielfalt und Andersartigkeit (!) sind hier willkommen— Störenfriede nicht.“ Und was sehen wir? Die oben beschriebene Handyaufnahme mit musizierenden Romamusikerlnnen.
Festzuhalten ist: journalistische Sorgfalt und Ausgewogenheit findet nicht statt; rassistische Stimmungsmache und Parteinahme (für wen eigentlich?) feiert fröhliche Urständ; Herabsetzung von Minderheiten und Menschen in prekären Lebenssituationen ist bestimmend; eine verrohte Sprache so z.B. „Junkies" anstatt Suchtkranke oder Drogenabhängige oder „Störenfriede", bedient dumpfen Boden. Die Reporterinnen sagen und zeigen deutlich, wer hier nicht „willkommen“ ist.
Blind und taub zeigt sich dieser Beitrag in seiner Selbstgerechtigkeit und anmaßenden Kommentaren gegenüber der Diskussion über systemischen Rassismus. Weit über dem Atlantik wird er scharf in den Blick genommen, gegenüber einer deutschen und europäischen Minderheit wird er ungehemmt praktiziert.

Förderverein Roma e.V. & Hausprojekt NiKa, 17. Juli 2020