Förderverein Roma e. V. erinnert an den Auschwitz-Erlass vom 16.12.1942

erstellt von Förderverein Roma — zuletzt geändert: 2020-12-15T19:36:19+01:00
und an den Völkermord an einer halben Million Roma und Sinti und an die Deportation in die NS-Konzentrations- und Vernichtungslager

Im Schnellbrief vom 29. Januar 1943 erging folgende Anweisung „Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.42 sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dieser Personenkreis wird im nachstehenden kurz als 'zigeunerische Personen' bezeichnet. Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager Auschwitz.“ Die Vorstufe zur späteren Vernichtung wurde durch die Erfassung aller im deutschen Reich lebenden Roma und Sinti geschaffen. Robert Ritter, Leiter der „Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes Berlin“ und seine enge Mitarbeiter Eva Justin waren hierfür maßgeblich verantwortlich. Ihre sogenannten „rassenbiologischen“ Untersuchungen registrierten minutiös über 20.000 Roma und Sinti. Sie leisteten damit die Voraussetzung für die spätere fabrikmäßige Vernichtung. Beide wurden nach 1945 von der Stadt Ffm. im Gesundheitsamt beschäftigt und sind für ihre Taten nie zur Rechenschaft gezogen worden.

In einem Aufsatz über Roma, im Juli 1943 geschrieben, stellt Justin fest, dass man es ausnahmslos mit Verbrechern zu tun hat, die das „Wirtsvolk“ ausnutzen. Sie dokumentiert die Erfolge ihrer „rassenbiologischen“ Untersuchung, die Erkenntnisse über die genaue Abstammung, über Aussehen und Verhalten und meldet die „Übergabe“ der „Volksschädlinge“. Die menschenverachtenden Ausführungen sind Teil ihrer Praxis, die schließlich im industriell vollzogenen Massenmord an Roma und Sinti endeten.

Die Opfer mussten teilweise bis in die 70iger Jahre auf Entschädigung seitens deutscher Behörden warten. Zwischenzeitlich waren sie den Beleidigungen ihrer ehemaligen Verfolger, die weiterhin in Amt und Würden walteten, ausgesetzt. In den Ausführungen von Frau Rose und Frau Strauss, Töchter von Frankfurter Roma, die die Vernichtungslager der Nazis überlebt haben, wird die Traumatisierung der Überlebenden und der Kindeskinder genau beschrieben. Die Berichte der beiden Frauen sind gekennzeichnet von Angst, Ignoranz und Gewalt, hervorgerufen durch das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft und der Umkehrung von Täter in Opfer. Es wird verdeutlicht, dass der Alltag von Roma und Sinti nach wie vor von Diskriminierung gekennzeichnet ist. Subtil in Ämtern und Institutionen, aggressiv in der Öffentlichkeit und in den Medien.

Die Stimmung gegenüber Roma MigrantInnen und Flüchtlingen hat sich nie grundsätzlich geändert – sie war zu keinem Zeitpunkt von Verständnis und Solidarität seitens der Mehrheit geprägt. Hass, Gewalt, Vertreibung, die Akzeptanz von Verelendung als Disziplinierung und gleichzeitig als rassistischer Focus dient ungebrochen. Egal ob es sich um die wiederholte Räumung einer Brache in Frankfurt am Main, um die Missachtung der menschlichen Würde von Obdach- und mittellosen Menschen oder um die massenhafte Abschiebung von Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien handelt.

Die Corona-Pandemie hat die Situation erheblich verschärft. Verordnete Unterkünfte für Obdachlose lassen die Hygieneregeln außer Acht, die Infektionsgefahr ist enorm. Roma, die auf der Straße leben müssen, sind mehr denn je Ausgrenzungen und Übergriffen ausgesetzt. Nach dem Prinzip der Missachtung funktioniert im Corona-Kontext auch die Schuldzuschreibung gegenüber der Minderheit, begleitet von großflächigen Militär- und Polizeieinsätzen in den Ghettos europäischer Städte.

Die repräsentative Autoritarismus-Studie aus Leipzig dokumentierte wiederholt die vorurteilsbeladene und teilweise rassistische Haltung der meisten Menschen. Eine Mehrheit der Befragten äußerte diese Einstellung; sie möchte nichts mit Roma und Sinti zu tun haben und erklärten qua Definitionsgewalt, dass die Betroffenen keine Perspektive haben, an ihrem Elend einzig und allein schuldig sind. So wundert es nicht, dass viele Menschen, die die Beratung und die Bildungsprojekte des Förderverein Roma aufsuchen, Angst vor Behördenkontakten haben, von Willkür und Diskriminierung in Ämtern und bei Polizeikontakten berichten.

Antiziganismus, der Rassismus gegenüber Roma und Sinti, wirkt ungebrochen. In Osteuropa bricht er sich gewaltvoll Bahn. Es sind zunehmend Pogrome und Überfälle mit Todesfolge zu verzeichnen. Ein Junge in Junge in Bulgarien wurde beim Holzsammeln erschossen. In der Slowakei starb eine Frau mit ihren vier Kindern beim Brand in einer Elendsbaracke. Die Medienkommentare hierzu waren menschenverachtend. Ermittlungen verlaufen oft systematisch im Sand. Verurteilungen haben Seltenheitswert und sind geprägt von Empathie – Empathie für die Täter.

Die in Frankfurt bekannt gewordenen neonazistischen Aktivitäten von Polizeibeamten des 1. Reviers sind Anzeichen dafür, wie groß die Grauzone ist. Die Nachfragen des Förderverein Roma wegen den beiden Brandanschlägen im Jahr 2016 auf Roma wird regelhaft mit der Floskel "keine neuen Erkenntnisse" beantwortet. Juden, Roma und Sinti und Muslime nehmen in der gesellschaftlichen Missachtungsskala Spitzenplätze ein. Das ist nicht neu. Neu ist auch nicht die kontinuierliche Ablehnung, die sich durch alle politischen Lager zieht und die ihre einflussreichste Anhängerschaft in der konservativen und reaktionären Mitte hat. Neu ist die nach oben offene Steigerungsrate.

Die beabsichtigte Zerstörung des zentralen Mahnmals in Berlin, das an die Vernichtung der Roma und Sinti im Nationalsozialismus erinnert, spielt in diesem Zusammenhang aktuell eine bedeutende Rolle. Wegen dem geplanten Verlauf einer S-Bahn soll die Gedenkstätte verlegt werden. Ein Zeichen für die Ignoranz gegenüber dem Gedenken an den Völkermord an Roma und Sinti und ein alarmierender Vorgang, der Gleichgültigkeit demonstriert und Erinnerungslosigkeit schafft. Diese Kombination ist die Voraussetzung, dass sich Rassismus und Antisemitismus festigt und letztlich legitimiert wird. Die Kritik in der Roma und Sinti Gemeinde zu den Mordanschlägen in Hanau thematisiert dies und beklagt gleichzeitig die mangelnde öffentliche Aufmerksamkeit darüber, dass unter den zehn Toten auch drei Roma waren.

Der Förderverein Roma e. V. ruft anlässlich des Gedenktags zum Auschwitz-Erlass zum Engagement gegen Rassismus und Diskriminierung, zur Solidarität und praktischen Unterstützung von Roma und Sinti auf. 

Förderverein Roma e.V., Pressemitteilung, Ffm. den 15.12.2020

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