Bad Beuys go Africa

erstellt von Frankfurter Hauptschule — zuletzt geändert: 2020-10-23T13:59:37+01:00
Künstlergruppe stiehlt Beuys-Skulptur und bringt sie nach Afrika.
Am 18. Oktober hat das Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule eine Beuys-Skulptur aus einer Ausstellung in Oberhausen gestohlen und in einem symbolischen Akt der Restitution in die ehemalige deutsche Kolonie Tansania gebracht. Dort ist sie nun in der Dauerausstellung eines ethnologischen Museums zu sehen. Titel der Aktion: Bad Beuys go Africa.
Seit einigen Jahren wird international über die Herkunft von Kunst und ethnographischen Objekten aus ehemaligen Kolonien in westlichen Museen gestritten. In Deutschland hat besonders die Debatte um das Humboldt Forum hohe Wellen geschlagen. Die Diskussion um eine Rückerstattung zieht sich indessen hin und wird bisweilen mit rassistischen Argumenten geführt und verschleppt.
Am 10. Oktober eröffnete in Oberhausen die Ausstellung “Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus. Christoph Schlingensief und die Kunst” des örtlichen Theaters. Darin sind u. a. Valie Export, Alexander Kluge, Jonathan Meese, Hermann Nitsch und die Frankfurter Hauptschule vertreten. Und bis zum 18. Oktober war es auch Joseph Beuys. Am späten Abend verschaffte sich die Künstlergruppe Zugang zu den Räumlichkeiten der Galerie und entwendete Beuys' “Capri-Batterie”, die aus der Sammlung des LWL-Museums stammt.
In den folgenden Tagen überführte die Frankfurter Hauptschule die Beuys-Skulptur nach Tansania, wo sie von Repräsentanten des Hehe-Stammes entgegengenommen wurde und Eingang in die Sammlung des Museums Iringa Boma fand. Die dortige Dauerausstellung, die in einem ehemaligen Militärkrankenhaus der deutschen Kolonialherren untergebracht ist, zeigt die “Capri-Batterie” nun zwischen traditionellen Objekten der Handwerkskunst der Hehe. Unter dem Kolonialregime wurden Kunstgegenstände, Kulturgüter sowie Schädel von Hehe-Anführern aus Iringa geraubt und in unüberschaubarer Zahl nach Deutschland verbracht.
Eine Sprecherin der Frankfurter Hauptschule: “Nächstes Jahr wird Beuys hundert Jahre alt. Doch was hat uns der alte Nazi-Schamane heute noch zu sagen? Zum Beispiel das hier: 'Hier habt ihr die Sache und jetzt könnt ihr damit machen, was ihr wollt. Ihr könnt es missbrauchen, dies oder jenes damit machen; ich mische mich da nicht mehr ein. Also, eine Arbeit, die ich einmal weggegeben habe, die ist weg.' Na gut. Wir haben Beuys unbürokratisch nach Afrika überführt – als soziale Plastik, die den Namen verdient.
Ihr nennt das Diebstahl? Ihr bringt doch euren Kindern bei, dass klauen böse ist und stellt dann gewaltsam angeeignetes Diebesgut in euren Museen aus. Ihr sagt, man kann die geraubten Sachen nicht zurückgeben, weil in Afrika alle Barbaren sind, die nicht vernünftig damit umgehen können, während in den Kellern deutscher Museen massenhaft nicht inventarisierte Beutekunst vor sich hin schimmelt.”
Die Frankfurter Hauptschule ist ein gut 20köpfiges Kollektiv aus Frankfurt am Main, das seit 2013 Kunst- und Schmerzgrenzen im Stresstest des öffentlichen und medialen Raums erforscht. In ihren Arbeiten loten die jungen Künstler gesellschaftliche Belastbarkeiten und juristische Zuständigkeiten aus. 2016 provozierten sie mit dem Aufruf, Liebesschlösser von Frankfurts Fußgängerbrücke abzuknacken. 2018 empörte sich der Frankfurter Polizeipräsident über eine Intervention, bei der die Gruppe einen Streifenwagen im öffentlichen Raum abbrannte. Im vergangenen Jahr lösten die Künstler öffentliche Diskussionen aus, als sie in einer Doppelaktion das Goethe-Haus in Weimar mit Klopapier bewarfen und in Köln eine Ausstellung mit Nacktbildern von Kindern eröffneten.
Frankfurter Hauptschule, 22. Oktober 2020