1. Mai 2020 - Tag der lebensrelevanten Sorgearbeit

erstellt von Care Revolution Rhein-Main — zuletzt geändert: 2020-04-30T12:09:56+02:00
Care Revolution Rhein-Main ruft auf zu einem gesellschaftlichen und politischen Umbau: Weg von Konkurrenz hin zu Nachhaltigkeit und Solidarität.

"Corona hat den Blick unserer politischen Entscheidungstragenden – zumindest für kurze Zeit - aus dem Bann des BIPs und seines Wachstums gelöst“, so Elfriede Harth, Aktivistin im Netzwerk Care Revolution Rhein-Main. „Jetzt erkennen sie zusammen mit der ganzen Gesellschaft, dass das Fundament unseres Lebens und unseres Wohlstands auf dem unermüdlichen Einsatz Tausender Menschen beruht, die Tätigkeiten verrichten, die häufig gering geschätzt werden. Tätigkeiten, die entweder gar nicht oder nur schlecht bezahlt werden“.

88 Milliarden Stunden erbrachter lebensnotwendiger Arbeit werden im Jahr im heiligen BIP unterschlagen und bleiben somit unsichtbar. Warum? Weil es sich um unbezahlte Sorgearbeit handelt, die hauptsächlich von Frauen in den Familien geleistet werden, z.B. als pflegende Angehörige oder als Mutter“ so Harth weiter. „Der Beitrag von Arbeit zur Wertschöpfung im BIP entspricht nur der Spitze des Eisbergs. Also den nur 66 Milliarden Stunden, die Menschen entweder damit verbringen einer bezahlten Arbeit nachzugehen oder zu ihrem Arbeitsplatz zu fahren. Denn Wert hat in der Logik einer marktkonformen Demokratie nur, was für Geld gekauft werden kann, ganz gleich ob es dem Leben dient oder Leben zerstört.“

Der Corona-Virus als Pandemie hat die allgemeine Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Bereiche der Daseinsfürsorge wie den Gesundheitssektor und die Altenpflege gerichtet. In einer alternden Gesellschaft fehlen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen etwa 100.000 Pflegekräfte. Tendenz steigend. Denn die Politik gibt immer weitere Infrastrukturen der Daseinsfürsorge der Logik der Rentabilität preis. Entweder verkauft sie sie an Investoren, die ihr Geld lukrativ anlegen wollen oder sie führt Maßnahmen ein wie die Fallpauschalen.

Auch die Kinderbetreuung und der Bildungssektor sind marktkonforme Infrastrukturen. Ihr Zweck und Ziel ist es, „die Wirtschaft“ mit Arbeitskräften zu versorgen. Eltern werden Parkmöglichkeiten für ihre Kinder geboten, damit sie zeitlich frei werden, um einem bezahlten Job nachzugehen. Die Betreuungs- und Bildungseinrichtungen ihrerseits sollen mit möglichst knappen Ressourcen vermarktbare Arbeitskräfte heranziehen. Auch diese Infrastrukturen sind personell chronisch unterbesetzt.

Wie schon in den vorangegangenen Jahren begeht Care Revolution den 1. Mai als den Tag der unsichtbaren Arbeit. Der Arbeit, die „den Laden am Laufen hält“, die aber die Menschen, die diese lebensrelevante Tätigkeiten erbringen im Alter sehr häufig zu Armut verurteilt.

Der Corona-Lockdown von allem „nicht Lebensnotwendigen“ hat gezeigt, dass diese unsichtbaren und gering geschätzten Tätigkeiten genau die sind, auf die keine menschliche Gemeinschaft verzichten kann um die blanke Existenz zu ermöglichen. Wenn jetzt der Lockdown langsam wieder aufgehoben wird, darf es nicht ein Zurück in die alte „Normalität“ geben. Diese Krise muss genutzt werden, für einen gesellschaftlichen und politischen Umbau hin zu Nachhaltigkeit und Solidarität. Dazu rufen wir auf. Und dafür wollen wir am 1. Mai vor dem Rathaus in Frankfurt ein Zeichen setzen.

Aufruf von Aktivist_innen des Netzwerks Care Revolution

Gemeinsam aus der Corona-Pandemie lernen – für solidarische und nachhaltige Lebensweisen streiten

Die Corona-Pandemie verdeutlicht, wie wenige Ereignisse zuvor, das Zerstörungspotential dieser unter den Bedingungen des Kapitals globalisierten und beschleunigten Welt. Kriege und Naturkatastrophen, das alltägliche Sterben an Unterernährung oder auf der Flucht können viele im globalen Norden ignorieren, jetzt trifft es alle – wenn auch selbst in Corona-Zeiten Reichtum einen besseren Schutz ermöglicht.

Das Leiden anderer auszublenden, sind wir trainiert. Denn das Grundprinzip des beinahe weltweit herrschenden Systems ist Konkurrenz – zwischen Unternehmen um den höchsten Profit, zwischen Lohnabhängigen um Jobs und Aufstiegschancen, zwischen Eltern um Plätze in Kitas, zwischen Wohnungssuchenden um knapp gehaltene Wohnungen. Bei der Bekämpfung des Corona-Virus ist allerdings nicht Konkurrenz gefragt, sondern Solidarität. In einer zutiefst arbeitsteiligen und global vernetzten Welt kann die Eindämmung einer Pandemie nur in intensiver Zusammenarbeit gelingen – weltweit ebenso wie in den Nachbarschaften. Auch wenn Hamsterkäufe oder der Diebstahl von Masken aus Kliniken zeigen, wie machtvoll Konkurrenz und antrainierte Rücksichtslosigkeit sind – wir sehen vor allem, wie schnell, phantasievoll und entschlossen jetzt Handlungen der Solidarität aufblühen. Konkrete Hilfe für alte oder obdachlose Menschen, Unterstützung in den sozialen Medien für Geflüchtete in den griechischen Lagern oder auch der große Einsatz vieler in Beruf und Familie zeigen, dass wir solidarisch handeln können und wollen.

Solidarisch zu handeln bedeutet aber auch, die Strukturen zu bekämpfen, die uns gegeneinander ausspielen. Es bedeutet, dieses Wirtschaftssystem zu verändern, das immer weitere Bereiche des Lebens zu einer Ware macht, Krankenhäuser und Altenheime in Renditeobjekte verwandelt und die Grenzen für geflüchtete Menschen, selbst für unbegleitete Kinder, schließt. Was wir benötigen, ist eine Wirtschaft, die in der Lage ist, auch in Zeiten der Not und der Verunsicherung die Bedürfnisse aller möglichst weitgehend zu befriedigen. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Menschen ermöglicht, sich mit Zeit umeinander zu kümmern, und die solidarisches Handeln fördert – nicht nur in Zeiten von Corona, sondern immer und überall.

Derzeit ist der glatte Fortgang der Kapitalverwertung für einen Moment ins Stocken geraten. Und wie immer in Krisen leiden die Armen und Schwachen. Gleichzeitig zeigt sich gerade, was wir brauchen und worauf wir nun wirklich verzichten können:
Schon vor Corona war offensichtlich, dass ein Gesundheitswesen, das auf Profit und Kostensenkung beruht, menschliches Leben nicht umfassend schützen kann. Wenn derzeit schwer kranke Menschen noch umfassende gesundheitliche Unterstützung erhalten, so geschieht dies nicht wegen, sondern trotz des Zustands des Gesundheitssystems. Wir haben es dem Engagement der Pflegekräfte und Ärzt_innen zu verdanken, die mit all ihrer Energie auch unter schlechten Bedingungen Leben retten. Wir wollen bereits heute darum kämpfen, dass nach Corona Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen die finanziellen und personellen Ressourcen erhalten, die sie benötigen. Das bedeutet auch, dass alle in der Pflege Beschäftigten, auch die gegenwärtig irregulär in Privathaushalten Arbeitenden, gute Arbeitsbedingungen vorfinden. Wir wollen eine Abschaffung der Fallpauschalen und ein Ende der Privatisierungen. Wir wollen die Institutionen in die Hände der Allgemeinheit zurückführen, damit alle Beteiligten in demokratischen Strukturen gemeinsam Prioritäten festlegen.

Genauso möchten wir in anderen Bereichen der Daseinsvorsorge vorgehen. So zeigt sich die Bedeutung von Bildung und Erziehung gerade jetzt, wenn die Schulen und Kitas geschlossen sind und spürbar wird, welch wichtige Arbeit Lehrer_innen und Erzieher_innen leisten. Deren Arbeit übernehmen während der Kontakteinschränkungen Eltern, die damit neben ihrem Home-Office an die Grenze ihrer Kräfte kommen und keinerlei staatliche oder privatwirtschaftliche Unterstützung

erfahren. Wichtig ist uns darüber hinaus, dass die öffentliche Daseinsvorsorge nicht weiter reichen Ländern vorbehalten sein kann, sondern wir müssen den exklusiv angeeigneten Reichtum global teilen, damit eine gute soziale Infrastruktur in allen Regionen der Welt aufgebaut werden kann.

Viele haben auch schon lange gespürt, dass ein gutes Leben nicht von privaten Autos und von Flugreisen abhängt und auch nicht vom Übermaß an Konsumgütern, die weltweit produziert werden, um insbesondere im globalen Norden genutzt zu werden – je reicher die Menschen, desto höher der Verbrauch fossiler Energieträger. Bei vielen ist ein Aufatmen zu spüren, dass wir derzeit wenigstens etwas weniger Treibhausgase in die Luft blasen. Die Klimaforschung und Klima-Aktivist_innen wie Fridays for Future weisen schon seit langem mit viel Nachdruck darauf hin, dass uns nur noch ein Jahrzehnt bleibt, um durch eine drastische Reduktion unseres Wachstums und den Ausbau erneuerbarer Energien die Erderwärmung auf weniger als 2 Grad zu begrenzen.

Deswegen dürfen wir nicht zulassen, dass mit staatlichen Subventionen wieder Fluglinien und Autoproduzenten durch die Krise gebracht werden. Stärken wir stattdessen die gesundheitliche Versorgung, die Bildung für alle, Familien und Nachbarschaften, die gemeinsame Nutzung von Gütern, den nachhaltigen Konsum. Dabei gilt es, wenigstens jetzt zu beachten, dass uns nicht mehr Treibhausgas-Emissionen sowie natürliche Rohstoffe zustehen als den Menschen im globalen Süden.

Hier ist weltweite Solidarität gefragt. Wir wollen also solidarisch leben, nicht mehr auf Kosten anderer, nicht mehr zur Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen beitragen. Wir möchten die Sorge umeinander, die in Familien, Nachbarschaften und Care-Einrichtungen geleistet wird, und die Produktion der wirklich notwendigen Dinge in den Mittelpunkt stellen. Es geht uns darum, dass Zeit für Schönes und Wohltuendes bleibt. Dafür braucht es ein Umdenken, aber es braucht auch ein ganz anderes System, einen system change. Wie diese neue Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aussieht, können wir nur nach und nach in gemeinsamen Debatten und gemeinsam geführten Kämpfen entwickeln. Die allerersten Schritte scheinen uns jedoch teilweise schon lange und breit diskutiert. Jetzt ist die Zeit, sie durchzusetzen:

1. Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, damit jeder Mensch eine existenzielle Absicherung hat und gemeinsam mit anderen neue solidarische und nachhaltige Lebensweisen ausprobieren kann.

2. Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf zunächst maximal 30 Wochen-Stunden, damit alle genug Zeit haben für Sorgearbeit, soziales und politisches Engagement. Ein geringeres Erwerbsarbeitsvolumen fordert uns auch heraus, Prioritäten festzulegen, zu entscheiden, welche Branchen schrumpfen und welche, wie beispielsweise die Care-Bereiche, weiter ausgebaut werden können.

3. Umfassender Ausbau der sozialen Infrastruktur bei gleichzeitigem Aufbau von demokratischen Strukturen in Städten, Dörfern und größeren Regionen, damit Menschen über die Bedingungen ihres Lebens gemeinsam entscheiden können.

4. Globale solidarische Regeln, die sich in einer weltweit veränderten Arbeitsteilung, Schuldenstreichung, globalen Umverteilung der finanziellen Ressourcen, einer Öffnung der EU für Schutzsuchende und die Auflösung aller Flüchtlingsunterkünfte niederschlagen.

Dies sind erste – für uns zentrale – Schritte. Anderen wird anderes wichtig sein. Entscheidend ist, dass wir zusammenkommen und dafür sorgen, dass sich diese Gesellschaft grundlegend verändert. Denn ansonsten nehmen wir sehenden Auges die Zerstörung unserer menschlichen Beziehungen und unserer natürlichen Lebensgrundlagen in Kauf. Lasst uns anfangen – auch jetzt, wo wir uns nur virtuell treffen können. Und sobald Corona überstanden ist, lasst uns die Plätze erobern und dann die Stadtteile und Betriebe. Lasst uns kämpfen, bis wir eine Wende in Richtung einer Gesellschaft eingeläutet haben, in der ein gutes Leben für alle Realität wird, in der wir Solidarität statt Konkurrenz leben können.

CareRevolution Rhein-Main. Pressemitteilung, 29. April 2020